Streit in Deutschland: NSDAP-Aufnahme von Walser, Lenz und Hildebrandt ungeklärt

Meisten Aufnahmeanträge wurden vernichtet Historiker Frei hält Schriftsteller für glaubwürdig

Nach der Aufdeckung der NSDAP-Mitgliedschaft der Schriftsteller Martin Walser und Siegfried Lenz sowie des Kabarettisten Dieter Hildebrandt muss die Frage, ob sie wissentlich aufgenommen wurden, nach Angaben des deutschen Bundesarchivs offen bleiben. Das sagte der Abteilungsleiter Hans-Dieter Kreikamp der AP. Er erklärte, Aufnahmeanträge seien nicht vorhanden. Es gebe im Archiv elf Millionen Karteikarten der Hitler-Partei, aber nur noch 600.000 Aufnahmeanträge, die 1945 von den Amerikanern vor der Vernichtung gerettet worden seien.

Wie die Aufnahme der so genannten Flakhelfer-Generation der Geburtsjahrgänge 1926 und 1927 auf lokaler Ebene abgelaufen sei, könne nicht mehr nachvollzogen werden, sagte Kreikamp.

Der Historiker Norbert Frei hält die Erklärungen von Walser, Lenz und Hildebrandt für glaubwürdig. Danach wurden sie ohne ihr Wissen per Sammelmeldung in Hitlers Nationalsozialistischer Deutscher Arbeiterpartei (NSDAP) aufgenommen. Der an der Schiller-Universität in Jena lehrende Zeithistoriker sagte dem Berliner "Tagesspiegel" (Dienstagausgabe): "Es hat Sammelanmeldungen gegeben, und es kann und muss auch Fälle gegeben haben, in denen die Betroffenen nichts davon wussten." Die Existenz unwissentlicher NSDAP-Mitgliedschaften steht laut Frei zweifelsfrei fest.

Der Frage, ob etwa Angehörige der Hitlerjugend, insbesondere der späten Jahrgänge 1926 und 1927, mit Sicherheit eine Anmeldung zugesandt oder ihre Mitgliedskarte ausgehändigt bekamen, war Frei bereits 2003 bezüglich der NSDAP-Mitgliedschaft des Historikers Martin Broszat im Detail nachgegangen. Er kam zu dem Ergebnis, es sei "nach Lage der Dinge unwahrscheinlich", dass Broszat von seiner Aufnahme in die Partei wusste, wie er in der "Zeit" schrieb. Sein damaliges Fazit gelte auch für die aktuellen Fälle, sagte Frei.

Martin Walser zeigte sich bestürzt über den Dokumentenfund im Berliner Bundesarchiv. "Ich bin erschrocken, dass eine solche Organisation in dieser Weise über mich verfügt hat", wird der 80-Jährige in der "Rheinischen Post" zitiert. Zugleich bekräftigte er, zu keinem Zeitpunkt einen Aufnahmeantrag in die NSDAP unterschrieben zu haben und bisher auch nichts von der Mitgliedschaft gewusst zu haben.

Den Einträgen auf den Karteikarten zufolge soll Walser die Aufnahme am 30. Januar 1944 beantragt haben. Dazu erklärte Walser der Zeitung zufolge: "Ich habe nichts beantragt am 30.1.1944. Ich war 16." Auch habe er am 27. Februar 1944 "an keiner Aufnahmefeier teilgenommen und nie ein Mitgliedsbuch besessen". Als Antragsteller hat Walser einen "Standortführer" aus seinem Heimatort Wasserburg am Bodensee in Verdacht: "Der hat wahrscheinlich seine Karriere befördern wollen und hat solche Überweisungen einfach produziert. Und der hat mich dann eben auch bürokratisch verordnet", sagte der Schriftsteller. (apa/red)