Strahlemann Boris Nemsic räumt auf: Der Telekom-Boss übernimmt einen Knochenjob

Gewerkschafts-Clinch durch Festnetz-Personalabbau FORMAT: 500 Beamte sollen pensioniert werden

Strahlemann Boris Nemsic räumt auf: Der Telekom-Boss übernimmt einen Knochenjob © Bild: Reuters

Boris Nemsic, Boss der Telekom Austria, löst Rudolf Fischer ab und übernimmt jetzt persönlich den Festnetzbereich. Dort steht eine beinharte Restrukturierung an: 2.500 Mitarbeiter müssen bis 2011 gehen.

In den Weiten Arizonas hat Rudolf Fischer, 55, seine letzte Woche als Vorstand der Telekom Austria (TA) verbracht – beim Golfspielen. Schweißtreibende 40 Grad bremsten die sportlichen Ambitionen, den Schläger zu schwingen, zwar ein wenig. Entspannt ist er trotzdem: Denn mit 1. September gibt Fischer die Führung der Festnetzsparte der TA ab. „Es ist nicht meines, den Betrieb immer nur herunterzufahren – ohne Aussicht auf eine Offensivstrategie“, sagt er. In der Telekom gibt es nur mehr wenig Spielraum. Eine beinharte Restrukturierung steht an. Die will sich Fischer ersparen; die beginnende Schlacht mit Personal und Gewerkschaft ebenfalls. Sein Vorstandsvertrag, der ihm 2007 über eine Million Euro an Gehalt und Prämien einbrachte, wäre noch bis April 2011 gelaufen. Aber Fischer hat keine Lust mehr. Bis Ende August 2009 bleibt er mit weniger als der Hälfte der bisherigen Gage noch bei der Telekom angestellt und steht beratend zur Verfügung.

Knochenjob für Nemsic
Den Knochenjob muss TA-General Boris Nemsic nun selbst übernehmen. Er wird in den kommenden Monaten keinen Golfschläger, sondern den eisernen Besen schwingen. Auf Nemsic wartet die Rolle des Bad Guy, die Fischer nicht mehr spielen wollte. Die Zahl der Mitarbeiter im Festnetz – derzeit 9.600, davon 6.900 Beamte – muss deutlich reduziert werden. „Die Personalsituation ist einer der Hauptbelastungsfaktoren für die Aktie“, sagt Stefan Borscheid, Analyst bei der deutschen WestLB. Der Kurs der TA-Papiere ist im heurigen Jahr um rund ein Drittel gefallen. Es wird ein heißer Herbst: Die Einschnitte beim Personal werden ernsthaft in Angriff genommen. Die von der Belegschaft erhofften Investitionen ins Festnetz werden alles andere als üppig ausfallen. Zudem wird aktiv Ausschau nach einem Partner gehalten. Denn in der TA-Führung setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass man auf Dauer allein zu schwach sein wird.

2.500 müssen bis 2011 gehen
Nemsic will Fischer, der von sich aus ging, keine Vorwürfe machen. Es ist aber kein Geheimnis, dass er mehr Drive im Festnetz forderte. Auch die Marketingaktivitäten hielt er für unzureichend. Nun sitzt der TA-Boss selbst am Drücker und gibt Vollgas. Am 28. August schwor er in einem Meeting die Führungskräfte auf einen harten Kurs ein. Nemsic geht an seine neue Aufgabe nicht zimperlich heran: Bis Ende 2009 sollen die Personal­kosten um 90 Millionen Euro sinken. 1.500 Leute müssen dafür von der Payroll verschwinden. Weitere 1.000 Jobs sollen bis Ende 2011 gestrichen werden. Betroffen sind überwiegend unkündbare Beamte. Und weil eine bei der Staatsholding ÖIAG angesiedelte Beamtenagentur bis auf weiteres auf Eis liegt, greift Nemsic zu harten Bandagen: Er wird Leute, für die es im Unternehmen keine Arbeit gibt, gnadenlos nachhause schicken – oder, wie es offiziell heißt: in einen Personalpool verfrachten.

Für 500 Verabschiebung im Dezember
Schon vor dem 1. September ließ der neue Festnetz-Capo Listen mit 500 Namen erstellen, die das schon ab Dezember betreffen wird. Sie werden zwar weiter bezahlt, verlieren aber ihre Zulagen. „Es könnten per Jahresende sogar über 500 Personen im Personalpool sein“, meint ein resignierter TA-Betriebsratschef Michael Kolek. Im Schnitt liegt die Kostenersparnis für den Konzern bei 6.000 Euro pro Jahr und Beschäftigtem, der zuhause bleiben muss. Selbst bei 1.500 Leuten wären das nur neun Millionen Euro – ein Betrag, der kaum ins Gewicht fällt. Doch auf diese Weise wird der Druck auf die Beamten erhöht, andere Lösungen zu akzeptieren. „Es ist schon ein Unterschied, ob jemand täglich zur Arbeit geht und dort eine soziale Anbindung hat oder ob ihn die Nachbarn fragen, warum er ständig zuhause ist“, formuliert ein Aufsichtsrat.

„Beamte sind zu wenig flexibel.“
Wer das Unternehmen freiwillig verlässt, dem verspricht ein neuer Sozialplan bis zu 45 Monatsgehälter Abfertigung. 300 bis 400 Personen, so interne Berechnungen, könnten das Angebot annehmen, was den Konzern grob gerechnet 50 Millionen Euro kosten wird. „Wir geben eine Stange Geld aus. Da hätte ich mir schon erwartet, dass die Personalvertreter den Sozialplan aktiv unterstützen, anstatt sich nur zurückzulehnen“, bedauert Nemsic. Er kritisiert auch die mangelnde Flexibilität. Es gebe zu ­wenig Bewerber, die abgebaute Leasing-Kräfte ersetzen wollen. Und als etwa im Vorjahr Mitarbeiter für die Telekom-Shops gesucht wurden, meldeten sich exakt zwei interne Interessenten.

„Es gibt nichts Schlimmeres.“
Die Vorwürfe will Betriebsrat Kolek keinesfalls auf sich sitzen lassen. Erstens sei bei Beamten jede Versetzung möglich. Zweitens hätten Beamte eine 40-Stunden-Woche. „Wer hat das sonst noch?“, fragt Kolek. Drittens sei das „Krankjammern“ des Vorstands zu wenig Strategie. „Man sollte schauen, was man noch Neues machen kann“, sagt Kolek und bringt als Beispiel das Alarmanlagen-Geschäft der Telekom. Aber Ideen sind rar. Dafür kommen derzeit häufig weinende ­Telekommitarbeiter, die ihren Job verlieren, zu Kolek ins Büro. „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen als das, was sich jetzt schon abspielt.“

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Von Andreas Lampl, Miriam Koch