Stilfragen von

Perspektivwechsel

Mut zum Dekolleté: Kinolegende Sophia Loren blieb auch später bei ihrem Stil

Ela Angerer © Bild: News

Unlängst ging ich mit einer sehr hübschen Autorin aus. Ich schätze sie auf kurz vor 40. Es war nicht das erste Mal, dass wir unterwegs waren, aber diesmal war irgendetwas anders: Ihre Stirn erinnerte plötzlich an das spiegelglatte Parkett eines Tanzsaals. Nach zwei Gin Tonics gestand sie mir, dass sie Botox ausprobiert habe, dies aber in Zukunft bleiben lassen wolle. Ich gratulierte ihr dazu. "Interessante Frauen sollten auch interessant aussehen", sagte ich, und das sei mit gelähmten Gesichtsmuskeln schwer. Sie nickte, dann bestellten wir uns noch einen Gin Tonic.

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Zur selben Zeit wohnte eine Freundin aus München bei mir. Auch sie ist wunderschön, außerdem ein sogenanntes Kurvenwunder. Sie arbeitet als Schauspielerin und Kabarettistin. Was diese Frohnatur unter einem interessanten Aussehen versteht, durfte ich drei Tage lang bestaunen. Selbst abseits der Bühne trägt sie Kleider, auf die die meisten Betrachter mit Atemstillstand reagieren: sehr eng, sehr kurz und sehr tief ausgeschnitten - Ursula Stenzel würde einen damit eigenhändig aus dem ersten Bezirk schmeißen. Meine Freundin mag es aber einfach so. An einem Abend blieben wir zu Hause und ich führte ihr mein neuestes Cocktailkleid vor - modisch knöchellang und hochgeschlossen, ein Internetschnäppchen, aber von einem Topdesigner. "Was soll denn das sein, eine Kutte?!", schrie sie und bekam einen Lachkrampf. Sie verstand nicht, warum man sich in so viel Stoff einwickeln musste. Und plötzlich verstand ich es selbst nicht mehr. Nach 48 Stunden hatte der freche Stil meiner Freundin auf mich abgefärbt. Beim nächsten Event verstörte ich Männer und Frauen mit meinem waffenscheinpflichtigen Dekolleté. Botox kommt mir trotzdem nie unter die Haut.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: angerer.ela@news.at

Kürzlich erschienen: der neue Roman von Ela Angerer "Und die Nacht prahlt mit Kometen"(Aufbau Verlag, 191 Seiten, € 20,60)

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