Steven Spielberg von

Der letzte der Giganten

Hollywoods Alt- und Großmeister im NEWS-Interview zu Gott, der Welt und "Tim & Struppi"

Steven Spielberg - Der letzte der Giganten © Bild: APA

Wollte man an ihn derlei zwergenhafte Maßstäben anlegen, wäre der Amerikaner Steven Spielberg, 65, der kommerziell erfolgreichste Regisseur aller Zeiten: Keiner hat mit Kinofilmen mehr Geld eingespielt.

„E. T.“, „Der weiße Hai“, „Jurassic Park“ und „Indiana Jones“ stehen dabei gegen „Schindlers Liste“, die Apotheose der Zivilcourage und des aufrechten Ganges inmitten des Holocausts, und das Kriegsdrama „Der Soldat James Ryan“. Filme über Lincoln und den Ersten Weltkrieg sind in Vorbereitung. Einzuordnen war er nie: Wie fügten sich sonst „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ in das epochale OEuvre?

Der Vater von sieben Kindern hat da in Motion- Capture-Technik (real agierende Schauspieler werden elektronisch zu Comic- Figuren verfremdet) einen zauberhaften Familienfilm geschaffen: eine atemberaubende Hochschaubahnfahrt für die Sinne, durch Orient und Okzident, wilde Wüsten und alle sieben Weltmeere. An Bord: Daniel Craig als Pirat. Im NEWS-Gespräch ging Spielberg einer bedrängenden Frage nach: Stammen seine Vorfahren tatsächlich aus Spielberg in der Steiermark?

NEWS: Wie ist das nun mit Ihren steirischen Wurzeln? In Spielberg gibt es sogar einen Spielberg-Platz.
Spielberg: Ja, die haben mir sogar eine Ortstafel geschickt, schwarze Schrift auf gelbem Grund. Erst war ich verwirrt, aber dann hat mich meine Schwester darüber aufgeklärt, dass das ein Ortsname ist. Ich war noch nie dort, will das aber nachholen. Die Tafel hängt bei mir im Büro. Zu den Tatsachen: Meine Familie stammt mit Sicherheit aus der heutigen Ukraine, und der Name kommt von einem Baron Spielberg. Meine Vorfahren haben wohl einmal seine österreichischen Ländereien bewirtschaftet und den Namen übernommen, was damals üblich war. Die Genealogie väterlicherseits endet da, über die Übernahme des Namens hinaus wissen wir nichts Genaues. Vor allem nicht, wie sie wirklich hießen.

NEWS: Woody Allen würde gern in Wien drehen. Wie steht es da mit Ihnen?
Spielberg: Ich liebe Wien aus einem anderen Grund. Mein erstes Kind, Max, sprach seinen ersten Satz in Wien. Er war noch keine zwei Jahre alt, 19 Monate vielleicht. Mein erste Frau Amy Irving drehte gerade in Österreich, und als guter Vater und Ehemann bin ich mitgefahren. Wir standen am Fenster des Hotels, über den Dächern von Wien, und blickten auf eine stark frequentierte Straße. Da sagte mein Sohn, der vorher nie einen Pieps gesprochen hatte, plötzlich: „Ich sehe einen Bus.“ Heute entwirft er Videospiele.

Kinder helfen sehr

NEWS: Wie lebt es sich als Legende?
Spielberg: Ich habe sieben Kinder. Damit muss ich mich vordringlich auseinandersetzen, ehe ich darüber nachdenke, dass mich die Menschen eine Ikone nennen. Wenn man beginnt, sich so zu benehmen, wie es von einem erwartet wird, wenn man versucht, dem Image zu entsprechen, das man in der Öffentlichkeit hat, kann man nicht mehr authentisch sein. Kinder helfen dir sehr, die Balance zu halten. Die Herausforderungen, denen man sich stellen muss, um eine Familie zu erhalten, sind fundamentaler als jeder Tag, den man auf einem Filmset verbringt.

NEWS: Kannten Ihre Kinder den belgischen Comic „Tim und Struppi“?
Spielberg: Sie sind Amerikaner und hatten davon noch nie gehört. Aber während des Drehs hatten wir die Bücher im Haus, und als mein jüngstes Kind die ersten Szenen sah, sagte es: Danke, Dad, dass du keinen Cartoon daraus gemacht hast.

NEWS: Was macht für Sie die Faszination dieses kultischen Comics aus?
Spielberg: Die Charaktere sind lustig, linkisch und tollpatschig. Es gibt viel Wortwitz und Slapstick, und bei allem Humor hat das Ganze eine große Tiefe – ein Geheimnis. Das ist für mich die Faszination des Stoffes. Ich war immer interessiert an so etwas wie Bestimmung. In vielen meiner Filme geht es um jemanden, der eine Bestimmung hat. Das ist wie ein Motor. Indiana Jones macht auf seiner Schatzsuche auch persönlich bereichernde Erfahrungen. Der stärkste Antrieb bei „Tim und Struppi“ ist Tims Hartnäckigkeit, die Fälle zu lösen. Es ist die Komödie im Abenteuer und die Bestimmung der Hauptfigur, was mich daran begeistert.

NEWS: Die Technik des Films setzt Maßstäbe. Nützen Sie auch privat die moderne Technik?
Spielberg: Ich habe keine Facebook-Seite und twittere nicht. Aber ich SMSe. Ich habe auch ein iPhone und ein iPad.

NEWS: Hat Facebook die Welt verändert, wenn wir etwa an den Arabischen Frühling denken?
Spielberg: Es ist in der Geschichte der größte Sprung vorwärts, was die Vernetzung von Menschen betrifft. Das ist sehr positiv, birgt aber auch große Gefahren. So positiv es ist, Menschen zusammenzubringen, die eine Geisteshaltung teilen, kann es doch ein großes Reservoir von Fehlinformation bedeuten. Wir müssen sehr vorsichtig sein, insbesondere was unsere Kinder betrifft: was sie unreflektiert aus dem Netz sogar in ihre Schularbeiten übernehmen.

NEWS: Beziehen Sie sich auf Wikipedia?
Spielberg: Nein, ich denke, Wikipedia ist ziemlich korrekt. Ich meine Gerüchte, die allgemein im Internet kursieren. Da müssen wir sehr vorsichtig sein. Ich wuchs als Teenager im Kalten Krieg auf. Da wurde ständig vor der nuklearen Bedrohung durch die Sowjetunion gewarnt. Mein Vater hatte, wie gesagt, österreichischukrainische Vorfahren, meine Mutter nur ukrainische. Im Haushalt lebten die Großeltern, die Jiddisch und Russisch sprachen. Mein Vater wurde auf Dienstreise nach Russland geschickt, in einem Austauschprogramm mit russischen Ingenieuren. Und er hat aus dem Land komplett andere Erfahrungen mitgebracht als das, was da von der amerikanischen Presse kolportiert wurde. Mein Vater hatte eine riesige Funkanlage auf dem Dach, weshalb ich übrigens das Morsealphabet fließend beherrschte. Er setzte mir einen Kopfhörer auf und funkte jemanden in Leningrad an. Und: Wir redeten miteinander. Mein Vater sagte: Ich möchte, dass du weißt, wo wir herkommen. Wir können stolz auf unsere Herkunft sein. Einen Kalten Krieg haben wir nur als Land mit dem Politbüro und dem Premier. Aber nicht mit dem russischen Volk.

NEWS: Stimmt der hartnäckige Mythos, dass Reagan die Handlung von „E. T.“ für bare Münze genommen hat?
Spielberg: Das war ein Scherz. Wir hatten eine Vorführung im Weißen Haus, auch der Mondflieger Neil Armstrong war da. Ich saß unter 50 Menschen direkt neben Reagan, und ihm stand das Wasser in den Augen. Nach dem Film stand er auf, bedankte sich bei mir und sagte: Da sind sicher elf Leute im Raum, die wissen, dass das absolut wahr ist.

NEWS: Was bedeuten Ihnen Ihre drei Oscars?
Spielberg: Viel. Sie ehren all die Menschen, die an den Filmen arbeiten. Man bekommt die Auszeichnung ja von denen, die in der Branche arbeiten.

NEWS: Sie haben alles erreicht. Welche Ziele bleiben da noch beruflich?
Spielberg: Ich will Geschichten erzählen. Das kann und liebe ich. Ich wüsste nicht, was ich ohne Kamera täte. Ich habe keine andere Sehnsucht in meinem Berufsleben, als Regisseur und Produzent zu sein. Und ein Mentor junger Menschen, die Talent haben.

Tim und Struppi-Trailer

Link: Tim und Struppi