Menschen von

Der letzte Fürst des Burgenlands

Stefan Ottrubay ist Chef der Esterházy-Stiftung und ein umstrittener Mann

Stefan Ottrubay © Bild: News/Vukovits Martin

Anton II. Esterházy de Galantha ist das Oberhaupt eines bis ins 13. Jahrhundert dokumentierbaren Fürstengeschlechts. Ein Mann, der die glänzenden und die weniger glänzenden Seiten des Lebens kennt und auf diesem Weg gelernt hat, auch scheinbar unverrückbare Standpunkte infrage zu stellen. Das zum Beispiel wäre ihm früher nicht eingefallen: "Es ist noch ein Glück, dass unsere ungarischen Güter nie an die Familie restituiert wurden. Sonst hätte sie der Herr Ottrubay auch schon übernommen." So residiert der 78 Jahre alte Fürst in einer von der ungarischen Regierung zur Verfügung gestellten Wohnung im Familienschloss Fertöd und weist dafür Besuchergruppen als "virtueller Schlossherr" in die Geschichte seines Hauses ein. "Herr Ottrubay konnte meine Existenz erschweren, aber nicht zerstören", sagt er. "Früher war ich noch Beirat unserer Familienstiftung und hatte Zuwendungen, wie sie einem Aufsichtsratsmitglied zustehen. Dann übernahm Herr Ottrubay alles, und ich habe meine nicht sehr hohe Alterspension. Damit kann ich leben, während er es sich gut gehen lässt."

Der so Apostrophierte ist an anderem Ort wieder stark im Gerede: Soeben hat Stefan Ottrubay, Vorstand der Esterházy-Familienprivatstiftungen und damit Herr über viel Burgenland, die Haydn-Festspiele fürs Erste liquidiert. Das zuletzt zu 99,2 Prozent ausgelastete Festival bringt jeden Herbst führende Interpreten nach Eisenstadt. Die Konzerte finden im Haydnsaal des österreichischen Stammschlosses statt, wo der Unsterbliche als Angestellter des Fürsten Nikolaus, genannt "der Prächtige", seine Werke zur Uraufführung brachte. Die vom Haydn-Experten Walter Reicher geleiteten Festspiele werden von Land und Stadt betrieben und sind auch ein Zentrum musikalischer Forschung.

Mitte der Woche aber brach Ottrubay die Verhandlungen über die Verlängerung des Mietvertrags für den Haydnsaal ab. Die Festspiele fänden demnach im Herbst 2016 zum letzten Mal statt: Im gesamten Burgenland gibt es keinen Konzertsaal vergleichbarer Größe, und Kulturlandesrat Helmut Bieler schließt andere Veranstaltungsorte aus: "Der Mythos ist unersetzbar. Entweder wir bekommen einen mehrjährigen Vertrag, oder es macht keinen Sinn, die Festspiele fortzuführen. Wir wollen auch nicht die Partner von Dr. Ottrubay sein und seine Vorstellungen verwirklichen. Wir wollen einen ganz normalen Mietvertrag und spielen, was wir meinen."

Gerade das aber will Ottrubay nicht. "Haydn, Esterházy und Eisenstadt sind weltbekannte Marken des Kulturtourismus, da geht es nicht einfach um das Mieten von Räumen", sagt er und verweist auf sinkende Tourismuszahlen des Burgenlands, während das Schloss in Eisenstadt Zuwächse von 25 Prozent verzeichne. Die Festspiele wären in die Jahre gekommen und bedürften neuer Impulse. Also will er zunächst im September 2017 ein eigenes, kleineres Klassikformat ausrichten und dann strategisch ins Große gehen: Im Schloss sollen auch wieder Opern gespielt werden wie zu Zeiten des prächtigen Nikolaus. Land und Stadt sollten sich beteiligen, aber mit dem derzeitigen Trägerverein gebe es im Gefolge politischer Angriffe keine Gesprächsbasis mehr. "Ich habe keinen Zweifel, dass man mich herausdrängen will", sagt Intendant Reicher. "Er hält es einfach nicht aus, dass ohne ihn auch etwas funktioniert."

Das Zerwürfnis geht auf das Jahr 2009 zurück: Damals übernahm Ottrubay das bis dahin vom Land gemietete und betriebene Schloss in die Obhut der Familienstiftung. Er forderte hohe Zuschüsse für die Renovierung: Das Land habe die Immobilie in desaströsem Zustand übergeben. Als die Behörde verweigerte, begannen die Probleme.

"Wir sind in Geiselhaft", klagt Reicher. "Er hat uns seit Jahren mit den Verträgen hingehalten, immer im letzten Moment nur um ein Jahr verlängert, obwohl wir drei bis fünf Jahre vorausplanen müssen. Wenn die Blasmusik von Rust den Saal braucht, bekommt sie ihn sofort, mir hat man die Saison zerstört. Wir bieten auch außerhalb der Festspiele ganzjährig Konzerte. Früher waren es 60, jetzt haben wir nur noch Termine für 15. Aber wir sind nach wie vor zur Kooperation bereit", sucht Reicher den Kompromiss. "Wir haben schon das fünfte Konzept ausgearbeitet. Dann reden wir mit dem jeweiligen Kulturchef der Stiftung, arbeiten alles bis ins Detail aus. Aber wenn wir nach Monaten anfragen, wie es steht, ist der Kulturchef schon durch den nächsten ersetzt." Fünf dieser Fachleute wären seit 2009 schon verschlissen worden. "Die Beschäftigung mehrerer Top-Fachleute ist Zeichen eines dynamischen Aufbruchs", erwidert Ottrubay. "Zu Beginn waren in der Esterházy-Kultur eineinhalb Mitarbeiter. Mittlerweile sind es 60 in der Hochsaison." Nicht er habe die Festspiele hingehalten, von dort wäre nie Taugliches gekommen.

Der 1954 in Zürich geborene Ottrubay ist ein eleganter, charmanter, überzeugungskräftiger Patrizier, dem man den Aristokraten eher abnähme als mancher Real-Durchlaucht. "Er hat einen ungeheuren Gestaltungswillen", zeigt sogar Reicher Respekt. "Aber er steht sich mit seinem Auftreten selbst im Weg. Man kann nicht tun, als wäre die ganze Welt verblödet, nur man selbst nicht." In diesem Spannungsfeld changiert auch die öffentliche Wahrnehmung: Die einen sehen in ihm einen Mann von unternehmerischem Genie, um Kategorien zu groß für sein provinzielles Umfeld. Die fürstliche Familie aber, in bemerkenswerter Allianz mit der lokalen SPÖ, qualifiziert ihn als Emporkömmling mit libidinösem Verhältnis zur Macht.

"Es besteht keinerlei Verwandtschaft mit der Familie Esterházy", stellt Fürst Anton klar, und Ottrubay bestreitet die Verhältnisse keineswegs. Gern gibt er sich als bürgerlich zu erkennen, wenn auch als Produkt der alten Monarchie: Die Großeltern wanderten aus Polen und Rumänien in den pannonischen Raum zu, die Eltern mussten beide vor dem stalinistischen Regime Ungarns in die Schweiz flüchten, wo sie einander als Studenten im Emigrantenkreis fanden. Die Mutter war Kinderkrankenpflegerin, der Vater leitete die technische Hochschule in Luzern. Dort wuchs Stefan Ottrubay als eines von fünf Kindern auf, studierte Jus, wurde Investmentbanker und tauchte anno 2000 plötzlich in Eisenstadt auf.

Die Schlüsselgestalt war seine Tante Melinda, geborene Ottrubay, gelernte Tänzerin und seit 1946 mit dem Familienoberhaupt Paul V. Esterházy verheiratet. Stefan Ottrubays Vater beriet seine Schwester, als Fürst Paul 1989 starb. Er empfahl, das gigantische Vermögen in eine Stiftung einzubringen. Die Familienmitglieder amtierten zunächst einträchtig im Beirat. "Wir haben gut und friedlich mit der Tante Melinda gelebt", sagt Gräfin Christine Esterházy von Galantha, um in unnachahmlich degoutiertem Ton hinzuzufügen: "Das Drama ging los, als ein gewisser Istvan kam, wie er sich damals noch nannte." Die Gräfin, eine geborene Obermayr, ist Opernsängerin, promovierte Musikwissenschaftlerin, Ehefrau des zum bayrischen Familienzweig gehörigen Grafen Endre Esterházy und Präsidentin des "Vereins der Familie Esterházy", der sich der Abwehr des besagten "Istvan", heute: Stefan, verschrieben hat.

Die greise Fürstin Melinda, "womöglich nicht mehr in der Lage, die Dinge juristisch richtig zu verstehen", wäre nach Ottrubays Auftritt anno 2000 plötzlich unerreichbar gewesen. Dafür hätten sich die Stiftungssatzungen geändert, bis die Familie draußen war. In den letzten Lebensjahren der Fürstin eskalierte die Causa ins Bizarre. Medien berichteten, Ottrubay halte die Greisin unter Kuratel, bis sich die Fürstin selbst via News zu Wort meldete.

"Vernichtungskampf"

Als sie im August 2014 starb, war Ottrubay längst Herr über das Stiftungsgeflecht. "Er führt einen Vernichtungskampf gegen Mitglieder unserer Familie, und das im Namen gemeinnütziger Stiftungen", klagt die Gräfin und bringt ein Beispiel von possenhafter Prägnanz: Sie habe in Eisenstadt eine Musikausbildungsstätte unter dem Namen " Esterházy-Akademie" gegründet. Mit der Begründung, es könne zu Verwechslungen mit der eingetragenen Marke "für Weinflaschen und Ähnliches" kommen, wäre sie von Ottrubay in einem jahrelangen Prozess gezwungen worden, das Institut nun "Gräfin-Christine-Esterházy-Galantha-Akademie e. U." zu nennen. Ihr wären am Ende 200.000 Euro Gerichtskosten erwachsen.

Ottrubay entgegnet all diesen Vorwürfen kühl und pauschal: "Seit 2000 mussten wir einen völlig verschlafenen Betrieb wachküssen. Es wurden siebzigjährige Mitarbeiter langsam in den Ruhestand geschickt, Pfründe eingeschränkt und abgestellt. Das Schloss wurde wie ein staatliches Kulturzentrum behandelt. Wir haben klargestellt, dass es sich um ein Objekt von europäischer Bedeutung handelt. Das war eben nicht für jeden so leicht verdaulich." Die "Anwürfe gegen die Stiftung" wären gerichtlich genau geprüft und "aufgrund völliger Substanzlosigkeit rechtskräftig zurückgewiesen" worden. Das Ehepaar Endre und Christine wäre "mit der letzten Fürstin und der burgenländischen Linie nicht verwandt, sie wurden allerdings von höchsten Landesstellen zur Fortführung ihrer Angriffe motiviert - Verleihungen von Ehrenzeichen, private Besuche beim Landeshauptmann im Mai. Es ist beschämend, dass sich hohe politische Stellen auf ein solches Niveau herablassen."

Nicht weiter verwunderlich, dass Ottrubay-Skeptiker allmählich die feindliche Übernahme des Burgenlands heraufziehen sehen. Die Opernfestspiele von St. Margarethen wären das ideale Beispiel, sagt Kulturlandesrat Bieler, und der Gründer des Freiluftspektakels im Esterházy-eigenen Steinbruch stimmt ihm zu: 1996 mietete der Kulturveranstalter Wolfgang Werner das Grundstück und zog ohne Subvention ein Unternehmen von europäischer Dimension hoch. In Spitzenzeiten kamen 190.000 Besucher, dann sanken die Zahlen branchenweit. "Ottrubay hat darauf gewartet, dass es mir nicht gut geht, und dann hat er mich zerstört", sagt Werner, der als Popveranstalter zu überleben versucht und immer noch Klagen der Steuerbehörde und der Krankenkasse abzuwehren hat. Nach öffentlichen Drohungen Ottrubays, den Mietvertrag nicht zu verlängern, habe die Bank über Nacht den Kreditrahmen gesenkt. Das Land habe daraufhin einen versprochenen Zuschuss zurückgezogen, um nicht in ein Konkursunternehmen einzuzahlen. Am Ende habe der Kartenverschleißer Ö-Ticket die Erlöse wegen Absagegefahr nicht mehr an Werners Firma entrichtet, auch da wäre Ottrubay inspirativ am Werk gewesen. All das wäre haltloser Unsinn, erwidert Ottrubay. Man habe vielmehr selbst zehn Millionen in den Ausbau des Steinbruchs investiert und die vorjährige "Aida"-Produktion mit einer hohen Summe gerettet, als Werners Firma mit Millionen überschuldet war.

Tatsache ist, dass die Esterházy-eigene Auffanggesellschaft Arenaria schon Monate vor dem Konkurs gegründet wurde. Der diesjährige Einstand mit Puccinis Oper "Tosca" glückte dank der Regie des (noch von Werner verpflichteten) Regisseurs Robert Dornhelm und internationaler Stars. Man wäre künstlerisch erfolgreich und zu 95 Prozent ausgelastet, frohlockt Ottrubay. Kolportierte vier Millionen Abgang im Gefolge der Qualitätsoffensive kommentiert er nicht. Lieber verweist er auf die Kinderoper, die vor einem Monat zum ersten Mal auf Schloss Eisenstadt in Szene ging. Anna Netrebko wurde als Konsulentin gewonnen und gewährleistete weltweite Berichterstattung. Einen Monat später sang ihr Zukünftiger, Yusif Eyvazov, in St. Margarethen.

Kommentare