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Stealthing: Die 7
wichtigsten Fakten

Ist es Vergewaltigung, wenn der Mann beim Sex heimlich das Kondom entfernt?

Frau im Bett, verzweifelt © Bild: Shutterstock.com

Ein Mann und eine Frau lernen sich über eine Datingplattform kennen. Sie treffen sich, haben Sex. Alles im grünen Bereich. Bis die Frau merkt, dass der Mann während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom entfernt hat. Dieser Vorfall ereignete sich in der Schweiz. Und er ist leider kein Einzelfall. Immer öfter hört man in letzter Zeit von Fällen wie diesem. Das Phänomen hat auch einen Namen: Stealthing. Handelt es sich hier um Vergewaltigung? Und wie sieht die rechtliche Situation in Österreich aus? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was ist Stealthing?

Von Stealthing ist dann die Rede, wenn der Mann während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom von seinem Penis entfernt. Der Geschlechtspartner wird davon nicht in Kenntnis gesetzt. Der Begriff Stealthing kommt vom englischen "stealth", was so viel wie Heimlichkeit, List oder Schläue bedeutet. Der Mann verfolgt beim Stealthing das Ziel, möglichst vollständig im Körper des Sexualpartners zu ejakulieren.

Wie lange gibt es dieses Phänomen schon?

In letzter Zeit hört man immer öfter von derartigen Fällen. Das Phänomen selbst gibt es aber schon länger. In US-amerikanischen Internetforen etwa sind entsprechende Einträge zu finden, die bis ins Frühjahr 2015 zurückreichen. Bei den Einträgen handelt es sich unter anderem um Anleitungen, wie man das Kondom möglichst unbemerkt entfernen kann. Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte die Juristin Alexandra Brodsky eine Studie zum Thema Stealthing. Brodsky ist eine der Ersten, die sich dem Thema von juristischer Seite her widmet.

Worum geht es in der Stealthing-Studie?

Für ihre Studie führte Brodsky Interviews mit betroffenen Frauen. Unter anderem sprach sie mit einer Mitarbeiterin einer Notruf-Hotline für Opfer sexueller Gewalt, die selbst zum Stealthing-Opfer wurde. "Die Geschichten beginnen immer gleich: 'Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Vergewaltigung ist, aber ...'", berichtet die Interviewpartnerin aus ihrer beruflichen Praxis. Mit ihrer Studie setzt sich Brodsky dafür ein, dass Stealthing rechtlich als Straftat gehandelt wird.

Wie rechtfertigen die Täter diese Praktik?

Internetportale, in denen Männer einander Tipps zum Stealthing geben, erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Dort wird das heimliche Entfernen des Kondoms während des Geschlechtsakts damit gerechtfertigt, dass es das Recht des Mannes sei, seinen Samen beliebig zu verteilen. Die Verbreitung des Spermas liege, wie den Einträgen zu entnehmen ist, in der Natur des Mannes.

Welches Risiko birgt Stealthing?

Für die Frau birgt Stealthing das Risiko, ungewollt schwanger zu werden. Zudem steigt mit dem Entfernen des Kondoms die Gefahr der Übertragung von Geschlechtskrankheiten wie HIV, Syphilis oder Tripper. Unbehandelt können die beiden Letzteren zu Unfruchtbarkeit führen. Abgesehen davon wird dem Opfer psychisches Leid zugefügt. Sein Vertrauen wird missbraucht. Wie Brodskys Studie zeigt, fühlen sich viele Opfer nach dem Vorfall massiv in ihrer Würde und Selbstbestimmung verletzt. Neben der Angst, schwanger zu werden oder mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert worden zu sein, plagen das Opfer Gefühle von Scham, Betrug und Bestürzung.

Handelt es sich bei Stealthing um Vergewaltigung?

Brodsky zufolge werden beim Stealthing die Grenzen des einvernehmlichen Sex überschritten. Der unausgesprochene Vertrag der beiden Sexualpartner - nämlich dass ein Kondom verwendet wird -, wird gebrochen. Gestützt auf das Argument, dass es ohne Kondom erst gar nicht zum einvernehmlichen Sex gekommen wäre, wird Stealthing in der allgemeinen Debatte als Vergewaltigung bezeichnet. In Schweden etwa gilt Sex ohne Kondom als Vergewaltigung, wenn dies gegen den Willen der Frau geschieht. In der Schweiz wurde Anfang des Jahres ein Mann wegen Vergewaltigung verurteilt, weil er während des Geschlechtsverkehrs das Kondom ohne Zustimmung seiner Sexualpartnerin entfernte. Er bekam ein Jahr auf Bewährung, wie der "Independent" berichtete.

Ist Stealthing in Österreich strafbar?

In den meisten Ländern ist die Rechtslage aber noch nicht eindeutig geklärt. Und wie sieht die Situation in Österreich aus? Ist Stealthing hierzulande strafbar? Laut Gerhard Jarosch, Präsident der Vereinigung Österreichischer Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, ist Stealthing in Österreich nicht strafbar. Mit einer Ausnahme, nämlich dann, wenn der Täter an einer ansteckenden Krankheit leidet. In diesem Fall liege dem Rechtsexperten zufolge ein Gefährdungsdelikt vor. Das Entfernen des Kondoms ohne Wissen des Sexualpartners an sich ist aber nicht gesetzlich verboten.