Star-Psychiater unter massivem Beschuss:
Zweifel an Gutachten von Max Friedrich

NEWS: Schwerwiegende Vorwürfe im Fall von Albin K. Friedrich wird von Richtern und Anwälten angegriffen

Star-Psychiater unter massivem Beschuss:
Zweifel an Gutachten von Max Friedrich © Bild: APA/Pfarrhofer

"Wissen Sie, wie es sich anfühlt, alles verloren zu haben?", fragt Albin K. und zieht hektisch an seiner Zigarette. Innerhalb einer halben Stunde hat er sich die fünfte angesteckt, "diese Unruhe, diese Nervosität ist einfach dauernd in mir". Schlafen könne er kaum noch, "höchstens fünf Stunden pro Nacht", trotz der Medikamente, die ihm Psychologen verschrieben haben. Als arbeitsunfähig, als schwer traumatisiert gilt der 35-Jährige, "nach all dem, was mit mir geschehen ist".

"Wissen Sie, wie es ist, einer Tat bezichtigt zu werden, die man nicht begangen hat?", schreit Albin K. fast. "Und wissen Sie, wie es ist, schuldlos im Gefängnis zu sitzen?"

Schwere Vorwürfe
Das Drama des Kärntners, es begann im Herbst 2001. Die Tochter war damals vier Jahre, der Sohn ein paar Monate alt - als die Gattin mit seinem Chef eine Beziehung einging. "Wir trennten uns - und es begann ein Kampf um das Sorgerecht." Albin K. weiter: "Da mir meine Frau früher erzählt hatte, dass sie in ihrer Jugend von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht worden war, und sie dennoch weiterhin Kontakt zu ihm pflog, hatte ich Angst um unser Mädchen …" Eine Angst, die sich für Albin K. ein paar Monate nach dem Auszug aus der ehelichen Wohnung bestätigte: "Bei einem Besuch erzählte mir meine Kleine, dass der Opa an ihr, gezuzelt' hätte, also machte ich eine Anzeige gegen meinen Schwiegervater."

Nicht nur Albin K. übrigens: Das Mädchen sprach auch zu einer Kindergartentante über die Taten des Opas, diese alarmierte eine Psychologin, die nach einer Befragung der Vierjährigen zu dem Schluss kam, dass "Anzeichen eines Missbrauchs durch den Großvater" vorlägen. Die Mutter des Kindes wurde in der Folge mit dem Verdacht konfrontiert - sie könne sich nicht vorstellen, dass ihr Stiefvater seiner Enkeltochter etwas Böses antun könne, meinte sie. Und rief - in Abwesenheit ihres Exgatten - einen Familienrat ein …

Beginn eines Alptraums
"Ein Alptraum". Fazit: Wenige Tage später erklärte die Frau der Kripo, dass ihre Tochter während eines "Gesprächs in vertrauter Umgebung" nicht den Opa, sondern den Vater unsittlicher Handlungen beschuldigt hätte. Das Gericht bestellte daraufhin einen Sachverständigen, Kinderpsychiater Max Friedrich. Er solle, hieß es, überprüfen, ob die Kleine tatsächlich missbraucht worden sei.

"Und dann", sagt Albin K., "begann ein Alptraum." "Und dann", so drückt es Peter Gradischnig, der Anwalt des Kärntners, aus, "wurde mein Mandant - bewusst - zum Täter gemacht. Denn schon die erste Frage, die Friedrich dem Mädchen stellte, war suggestiv:, Gut, was hat der Papa gemacht, was man eigentlich nicht machen soll?'" Obwohl das Kind, so der Verteidiger, während der gesamten Befragung durch den Experten gegen den Vater keine einzige Beschuldigung vorbrachte, kam der Gutachter zu dem Schluss, dass die Vierjährige vermutlich Opfer eines Missbrauchs geworden sei. Von wem, ließ er offen.

Schuldlos in Haft
Fazit: Albin K. und sein Schwiegervater wurden im Dezember 2003 im Landesgericht Klagenfurt zu je drei Jahren Haft verurteilt. Beide Männer beriefen, erfolglos, Albin K. musste schließlich Ende 2005 in der Justizanstalt Sonnberg seine Strafe antreten: "Als ich dort in eine Zelle eingesperrt wurde, brach für mich endgültig meine Welt zusammen - und ich verlor den Glauben an alles." "Babyficker" wurde Albin K. von seinen Mitinsassen genannt, "beschimpft wurde ich und geschlagen.

Denn keiner von ihnen wollte mir glauben, dass ich schuldlos bin - anders als die Psychologen der Anstalt, die schnell begriffen, dass ich kein Mensch bin, der sich an Kindern vergeht." Zwei Privat-Sachverständige wurden letztendlich noch mit einer Prüfung des Falles konsultiert. Die Ergebnisse der beiden Gutachter ließen die Justiz aufhorchen - Mitte 2006 erteilte das Landesgericht Klagenfurt schließlich Psychiater Norbert Nedopil den Auftrag, den "Fall Albin K." zu untersuchen. Und der Gutachter kam, gemeinsam mit zwei Kollegen, zu dem Schluss:"Im Rahmen einer Begutachtung ist es aber absolut erforderlich, die angewandten Methoden sorgfältig zu dokumentieren und die damit erzielten Ergebnisse festzuhalten. Nur dann ist es möglich, die Befunde nachzuvollziehen. Diese Möglichkeit eröffnet das Gutachten von Friedrich nicht."

Wiederaufnahme
Auf Grundlage dieser Expertise kam es im September 2007 zur Enthaftung des Kärntners. Im August wird ihm nun nochmals der Prozess gemacht, "der", wie sein Verteidiger sagt, "ob der neuen Beweiskraft, die nun vorliegt, mit einem Freispruch für meinen Klienten enden müsste". Damit allerdings wäre die Causa noch nicht ausgestanden: Denn für die 21 Monate, die der Kärntner völlig schuldlos in Haft gesessen sein dürfte, stünde ihm eine hohe Entschädigungszahlung zu.

Skepsis wächst
Der "Fall Albin K." ist nicht der einzige, der derzeit - im Zusammenhang mit einem "Friedrich-Gutachten" - im Landesgericht Klagenfurt für Kopfzerbrechen sorgt. Die Skepsis gegenüber Friedrich hat mittlerweile auch das Wiener Landesgericht erreicht. Im Wiener Grauen Haus, also dort, wo der Kinderpsychiater einst seine größten Auftritte absolvierte, zeigt man sich ihm gegenüber mittlerweile äußerst zurückhaltend. "Ich habe Friedrich schon seit sieben Jahren bei keinem Fall zugezogen", sagt etwa ein prominenter Richter und erklärt auch, warum: "Friedrich hat sich mit manchen seiner Gutachten, die eine Reihe nicht nachvollziehbarer Darstellungen enthielten, selbst aus dem Spiel genommen."

Kritik der Justiz
Ein Kritikpunkt, der in Justizkreisen oft zu hören ist. "Verwunderlich ist das nicht", erläutert der Richter, "denn Friedrich hat uns ja ganz offen gesagt, dass man manchmal übertreiben müsse, um einer Ansicht Aussagekraft zu verleihen." Auch fernab der Bundeshauptstadt tritt Friedrich als Gutachter immer seltener in Aktion. "Es ist lange her, dass wir ihn zuletzt konsultiert haben", bestätigt etwa der Sprecher des Klagenfurter Landesgerichts, Norbert Jenny. Gleiches gilt für die Gerichte in Linz, Sankt Pölten und Eisenstadt. "Mit bedeutenden Fällen", so Alexandra Maruna von der dortigen Staatsanwaltschaft, "wurde er in letzter Zeit nicht betraut."

Keine Stellungnahme zu Vorwürfen
NEWS hat freilich Max Friedrich zu den Vorwürfen gegen ihn befragt. Zu den "Fällen Albin K. und Werner K." dürfe er, da die Verfahren noch im Laufen seien, keine Stellungnahme abgeben. Grundsätzlich aber hält er fest: "Ein Gutachten ist bei einem Prozess immer nur ein Beweismittel. Und über die Schuld eines Angeklagten haben ohnehin nicht Psychiater, sondern Richter zu urteilen."

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