Staatsanwalt kritisiert Polizei im EDOK-Prozess

Mafia-Pate arbeitete als V-Mann, um sein kriminelles Geschäft besser ausüben zu können und um Konkurrenten auszuschalten

Staatsanwalt Walter Geyer kritisierte die Polizei: Er ist mit den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Mafia-Paten Jeremiasz B. betraut, wird eine Mord-Anklage einbringen. Geyer hat als Zeuge im Amtsmissbrauch-Prozess gegen den früheren EDOK-Oberstleutnant ausgesagt. Der Mafia-Pate "arbeitete" als V-Mann für den Beamten. Der Staatsanwalt: "Er hat Infos geliefert, um seine kriminellen Aktivitäten besser ausüben zu können. Er hat gewusst, was in der Polizei los ist. Er hat damit seine Konkurrenten ausschalten können."

Mafia-Pate Jeremiasz B., der zuletzt von Josef B. "betreut" wurde, war seit 1990 als V-Mann für das niederösterreichischen Landesgendarmiekommando. Ab 1995 war er für die Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (EDOK) tätig.

Während die Behörden sich der Dienste des undurchsichtigen Kaufmanns bedienten und ihm dafür auch Honorare zahlten, liefen gegen diesen in Polen längst Ermittlungen wegen eines riesigen Alkoholschmuggels. 1994 kam Jeremiasz B. deswegen auch in U-Haft und wurde laut Staatsanwalt Geyer erst freigelassen, als er ein gefälschtes ärztliches Attest vorlegte. Unmittelbar danach verübten Unbekannte auf die zuständige polnische Staatsanwältin ein Säureattentat. Sie ist seither auf einem Auge blind und vermutlich bis an ihr Lebensende entstellt.

Als später die EDOK auf den V-Mann zurückgriff, waren gegen diesen in Deutschland Erhebungen wegen 130 Millionen illegal geschmuggelter Zigaretten anhängig, was dann auch zu einer ersten rechtskräftigen Verurteilung führte.

Schließlich wurde bekannt, dass Jeremiasz B. hinter dem Mordanschlag auf den früheren polnischen Sportminister Jacek Debski stecken dürfte - eine Freundin hatte einen Tag nach dem in der Nacht auf den 12. April 2001 vor einem entlegenen Lokal in Warschau durchgeführten Attentat entsprechende Angaben gemacht, die nach Darstellung von Staatsanwalt Geyer einem "extrem dringenden Tatverdacht" gleichkamen. Jeremiasz B. sei "nur aus kriminaltaktischen Gründen" nicht auf der Stelle festgenommen worden.

In dieser Situation, als es "eng" wurde für den angeblichen Mafioso, der seit 1998 als österreichischer Staatsbürger in Gramatneusiedl lebt, versuchte Oberstleutnant Josef B. als dessen V-Mann-Führer, diesen über ein Zeugenschutzprogramm in die Vereinigten Staaten zu bringen. Zu diesem Zweck kontaktierte der ranghohe Kriminalbeamte einen in Wien ansässigen FBI-Agenten.

"Ich habe keine Motivation gehabt, dem Jeremiasz B. zu helfen. Unsere Meinung war, er manipuliert die Polizeibehörden und die Gerichte", sagte der 45-jährige Paul C. dazu nun im Zeugenstand. Als er Josef B. beim zweiten Treffen vorneweg verraten hätte, dass er in dieser Sache auch mit dessen Vorgesetzten Rücksprache gehalten habe, sei dieser "sehr enttäuscht" gewesen und habe darin eine "Katastrophe" erblickt. Hintergrund: Ihren Angaben zufolge hatten die Vorgesetzten keine Ahnung von den Absichten des Oberstleutnants.