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Anleitung in 14 Schritten:
So wird man mit Thiem zum Winner

Sport - Anleitung in 14 Schritten:
So wird man mit Thiem zum Winner © Bild: REUTERS/Pascal Rossignol

Was macht unseren Tennisstar Dominic Thiem so erfolgreich? Das Geheimnis: Sein Erfolgstrainer Günter Bresnik verrät, wie auch Sie von ihm lernen können!

Thiems langjähriger Trainer und engster Vertrauter Günter Bresnik hat die Erfahrungen aus seiner Arbeit mit Thiem zu einem alltagstauglichen Regelwerk in Buchform verarbeitet – für NEWS stellt er in komprimierter Form die wichtigsten Passagen zusammen

1: Nichts gelingt, wenn es nicht von Anfang an als Ziel formuliert wurde

Und zwar als exaktes Ziel, bis ins Detail durchdacht und definiert. Ein Ziel gibt Orientierung bei jeder Entscheidung, die auf dem Weg zu treffen ist – bringt sie mich dem Ziel näher oder nicht? –, ein Ziel ist die beste Motivationshilfe. Und es hilft, falsche Entscheidungen schnell zu erkennen. Erst ein Ziel gibt einem Vorhaben Struktur und Verbindlichkeit. Das Ziel meiner Arbeit mit Dominic war und ist das Bild eines Tennisspielers mit allen für Erfolg nötigen Fähigkeiten. Einen Ranglistenplatz als alleiniges Ziel zu formulieren, wäre übrigens nicht richtig gewesen. Denn die Rangliste ist (wie das Einkommen im Beruf) nur ein Messinstrument des Fortschritts, gar nicht das Einzige und oft gar nicht das Richtige. Ein Wunsch ist kein Ziel: Viele Menschen kennen den Unterschied zwischen Wunsch und Ziel nicht. Der Unterschied ist aber entscheidend: Ein Wunsch bringt keine Struktur, keine Verbindlichkeit, keine Orientierung, keine Motivation. Im Gegenteil: Wer sich etwas wünscht, gibt die Verantwortung an jemanden ab, der ihm diesen Wunsch erfüllen soll. Dominic war ein Wunsch-Tennisspieler: Er gab die Verantwortung für den Punkt an den Gegner ab, hoffte auf dessen Fehler. Heute ist er ein Ziel-Tennisspieler: Er will den Punkt aus eigener Kraft gewinnen. Ein gutes Ziel ist ehrgeizig: Man ist nicht gescheitert, wenn man es am Ende nicht erreicht, sondern wenn man nicht alles versucht hat.

2: Vorbilder nützt man durch Analyse, nicht durch Kopie

Ich mag Menschen, die etwas besser können als ich. Die Versuchung ist groß, Vorbilder zu kopieren, ihnen „nachzueifern“. Das bringt aber nichts. Wirklich lernen kann von einem Vorbild nur, wer herausfindet, welche Fertigkeiten und Eigenschaften das Vorbild erfolgreich machen. Es geht um Analysieren und Adaptieren, nicht um Kopieren. In Dominics jungen Jahren waren vor allem Roger Federer und Rafael Nanadal Vorbilder. Völlig unterschiedliche Spielertypen und Charaktere. Wir haben uns an beiden orientiert, an einzelnen Fähigkeiten, bis hin zu Spielzügen. Dominic hat schon sehr früh gelernt, von Vorbildern zu lernen, statt sie zu imitieren. Nicht einmal als kleiner Bub wollte er einen einzelnen Spieler als Vorbild nennen – aber dass er sich an Rogers Kreativität und Spielverständnis ein Beispiel nehmen wollte und am Drall in Rafas Vorhand, das wusste er schon als Zwölfjähriger.

3: Lernen beginnt mit dem Eingeständnis von Unwissen

Wenn ich etwas wissen will, muss ich jemanden fragen, der es weiß. Das klingt so einfach. Aber die wenigsten Menschen tun es auch wirklich. Es gibt keinen Grund, eine Frage nicht zu stellen. Außer der Angst, sich durch das Eingeständnis von Nichtwissen eine Blöße zu geben. Wer diese Angst – hinter der Eitelkeit und Unsicherheit stecken – nicht überwinden kann, steht sich selbst im Weg. Denn nur jemand, der sich und anderen seine eigenen Unzulänglichkeiten eingesteht, hat die Chance, diese Unzulänglichkeiten auch zu beseitigen. Außerdem macht man die Erfahrung, dass Menschen gerne Auskunft geben. Um Rat gefragt zu werden, bedeutet ja auch Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Ich glaube auch, dass intelligente Menschen gar keine dummen Fragen stellen können. Etwas nicht zu wissen, ist keine Schande. Nichts daran ändern zu wollen, ist es.

4: Wer an Fehler denkt, wird auch Fehler begehen

Der sicherste Weg, einen Fehler zu begehen, ist der unbedingte Versuch, ihn zu vermeiden. Die Schlagtechnik im Tennis ist dafür eine sehr schöne Metapher: Ein guter Schlag ist immer aktiv und entschlossen – den Ball früh treffen, das Gewicht nach vorne verlagern, kraftvoll durchschwingen. Man sieht einem Spieler an, wenn er versucht, einen Fehler zu vermeiden: Körper­gewicht auf den Fersen, später Treffpunkt, zögerlicher Schwung, der Schlag wird nicht nur lang­samer und harmloser, sondern tatsächlich auch unsicherer. Nicht an Fehler zu denken, heißt freilich nicht, dass keine Fehler passieren werden. Fehler sind natürlicher Teil jedes Prozesses (was nicht heißt, dass man sie akzeptieren darf). Den Besten passieren sogar viele Fehler, weil sie aktiver und initiativer arbeiten, nach neuen Wegen suchen – aber jeder Fehler passiert ihnen nur einmal.

5: Man bricht eine Regel nicht, ehe man sie verstanden hat

Es ist sehr modern geworden, Regeln zu brechen. Man umgibt sich gerne mit der Aura des Nonkonformisten. Aber ist das schon ein Qualitätsmerkmal? Ich bin kein Querdenker um des Querdenkens willen. Im Gegenteil: Ich respektiere echte Autorität sehr. Und ich beachte Regeln gerne, die ich für sinnvoll halte. Aber sie zu befolgen, wenn ich sie als unsinnig erkannt habe, wäre falsch. Ich habe sie zu brechen und durch eine bessere Alternative zu ersetzen.

6: Leistung ensteht nicht aus Selbstvertrauen

Viele Menschen glauben, Selbstvertrauen sei Voraussetzung für Erfolg. Ich sehe das anders. Selbstvertrauen erleichtert Erfolge zwar, weil es uns ermutigt, Dinge entschlossener anzugehen. Aber mehr nicht. Selbstvertrauen muss in einer vernünftigen Relation zu den objektiven Fähigkeiten stehen, sonst ist es ein Hindernis für die Entwicklung oder gar eine Gefahr – stellen Sie sich nur einen Seiltänzer mit allzu großem Selbstvertrauen vor …

7: Erfolg rechtfertigt jeden Aufwand, aber nicht jeden Preis

Erfolg kann nur als absolute Priorität entstehen. Dominic gestaltet sein gesamtes Leben rund um Tennis, seit er acht Jahre alt ist. Er will das, was er im Leben am liebsten tut, so gut tun, wie es ihm nur möglich ist. Abgesehen vom persönlichen Einsatz gibt es aber sehr wohl Einschränkungen für den Preis, den Erfolg wert ist: Er darf nicht von anderen bezahlt werden. Langfristiges Wohl für die eigene Familie und dauerhafte Gesundheit gehen vor.

8: Übung macht den Meister – und nicht Begabung

Talent ist unbedeutend. „Genie ist ein Prozent Talent und 99 Prozent harte Arbeit.“ Diesen Satz von Albert Einstein kann ich zu 100 Prozent bestätigen. Jeder von uns geht mit anderen Voraussetzungen ins Leben. Die Bedeutung dieser Begabungen wird dramatisch überschätzt. Entscheidend ist nicht, wie gut jemand etwas beherrscht, ohne es zu üben. Entscheidend ist, wie gut er es beherrscht, wenn er daran gearbeitet hat, so hart er kann. Ich habe mit Ernests Gulbis gearbeitet, einem der begabtesten Spieler in der Geschichte unseres Sports. Er wurde aber von Dominic überholt, weil Dominic in der Lage war, dauerhafter konsequent an sich zu arbeiten, seine Prioritäten eindeutiger zu setzen, seinen Beruf 24 Stunden am Tag mit Leidenschaft und Freude zu leben. Leute, die besonderen Erfolg haben, sind immer arbeitswilliger, konsequenter, opferbereiter und disziplinierter als andere. Ich habe über dieses Thema lange mit Christian Worsch gesprochen, dem sehr erfolgreichen Geschäftsführer von Dominics erstem Sponsor, Simacek. Christian erzählte mir von zwei Kategorien erfolgreicher Außendienstmitarbeiter. Die einen führten fünf Verkaufsgespräche pro Tag und schafften davon vier Abschlüsse. Hochbegabte Leute, charmant, gewinnend, überzeugend. Sie verbrachten die Nachmittage gemütlich im Schwimmbad. Die andere Gruppe brauchte jeden Tag 20 Gespräche für fünf Abschlüsse. Diese Mitarbeiter gingen abends müde nach Hause, aber zufrieden und stolz, ihr Ziel geschafft zu haben. Natürlich waren Christian die lieber. Denn die waren es, die sich von Rückschlägen nicht entmutigen ließen, die waren es, die aus jeder der Absagen lernten und über ausreichend Motivation und Durchhaltekraft für 20 Gespräche pro Tag verfügten. Es ist immer der Fleiß, der sich am Ende in Erfolg niederschlägt: Übung macht den Meister, nicht Begabung.

9: Man kann lernen, mit Misserfolg richtig umzugehen

Auch nach 17 gemeinsamen Jahren ist es uns noch nicht gelungen, eine große Schwäche von Dominic auszumerzen: seinen Umgang mit Misserfolgen. Ich meine das nicht in analytischer Hinsicht; die Gründe für eine Niederlage erkennt er sehr gut. Aber er leidet unter Niederlagen noch zu sehr. Das bessert sich zwar, muss aber noch professioneller werden. Er muss noch lernen, zu akzeptieren, dass Misserfolge unvermeidbarer Teil jeder Entwicklung sind. Und, logisch: Mit etwas, das ich nicht vermeiden kann, muss ich umzugehen lernen. Der richtige Umgang mit einer Niederlage ist die kurze, konzentrierte Analyse – fertig, abhaken, weiterarbeiten. Aber es ist falsch, sich für Misserfolge zu geißeln. Ich glaube auch nicht, dass man aus einer Niederlage die richtigen Schlüsse zieht, solange man leidet. Um zu lernen, muss man klar im Kopf sein.

10: Gut wird man nur in etwas, das man liebt

Dominic und ich verfügen über dieselbe Qualität, große Arbeitsumfänge mit hoher Intensität bewältigen zu können. Das ist der wesentliche Grund für unseren Erfolg. Sie werden wissen wollen, woher diese Energie kommt, die uns so lange durchhalten lässt. Ich bin überzeugt, dass sie auf Dauer nur aus einer Quelle kommen kann: aus Leidenschaft für das, was man tut. Durchhaltevermögen, Fleiß, Konsequenz, Unbeirrbarkeit werden mit der Zeit zur Qual, wenn man seinen Beruf nicht liebt. Sie sind Bedürfnis, wenn man seinen Beruf liebt. Natürlich kann auch ein Automechaniker, der anderes lieber tut als Autos zu reparieren, seinen Beruf ausüben, ein Arzt, der nicht ­darauf brennt, Patienten zu behandeln. Aber diese Menschen werden ein Drittel ihrer Lebenszeit freudlos verbringen und in ihrem Beruf bestenfalls durchschnittlich gut sein.

11: Der Anfang entscheidet über den Erfolg

Dominic hatte im Frühjahr 2016 eine Phase mit auffallend vielen Breakbällen, von denen er auffallend wenige verwertete. Er wurde erstaunlich heftig dafür kritisiert: Er sei gerade bei den sogenannten „Big Points“, den angeblich entscheidenden Punkten, noch nicht auf Weltklasseniveau. Diese Kritik war unangebracht. Ich habe das mit Dominic besprochen, er hat das auch sofort verstanden: Champions verwerten nicht mehr Chancen, sie erarbeiten sich mehr Chancen. Champions verlieren deswegen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit, weil sie ihre Arbeit von Anfang an richtig machen. Der Satz „Große Spieler erkennt man an großen Punkten“ ist einfach nicht wahr. Durchschnittliche Spieler spielen bei 40 : 15 anders als bei Einstand. Große Spieler spielen jeden Punkt mit derselben Ernsthaftigkeit, derselben Konzentration. In jeder Arbeit ist der Anfang das Wichtigste. Beim Tennis der erste Schlag in einem Ballwechsel, der erste Punkt eines Games. Denn der erste Schlag wird in jedem Ballwechsel gespielt, der erste Punkt in jedem Game ausgetragen. Es ist immer die nächste Aufgabe die wichtigste, auch wenn sie noch so unspekta­kulär und nebensächlich erscheint. Ein 400-Meter-Läufer kann den besten Endspurt der Welt haben – wenn er auf den ersten 100 Metern das Rennen nicht ernst nimmt, kommt er gar nicht in die Situation, seine Spurtfähigkeiten auszuspielen. Diese Fähigkeit hat Dominic gut, aber noch nicht gut genug entwickelt. Er gibt Punkten in einem Match unwillkürlich noch unterschiedliche Bedeutung. Den Punkt zum 15 : 0 im dritten Game des ersten Satzes genauso zu spielen wie den Ball bei 5 : 5 im Tiebreak des dritten Satzes, würde ihn einen Schritt weiter bringen. Die entscheidende Herausforderung in jeder Arbeit ist nicht die Extrem­situation. Es sind Normalität und Routine. Dort fällt die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg.

12: Leistung kann man erzeugen, Erfolg nicht

Natürlich hängen Leistung und Erfolg zusammen: Je besser die Leistung, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Erfolg. Langfristig ist ohne herausragende Leistung überhaupt kein heraus­ragender Erfolg möglich. Es ist dennoch wichtig, sich an der Leistung zu orientieren, nicht am Erfolg. Es war ein großer Schwerpunkt in Dominics früher Ausbildung, dass er zwischen Leistung und Erfolg zu unterscheiden lernte. Manche Erfolge warfen ihn zurück, manche Niederlagen hingegen brachten ihn auf seinem Weg weiter. Erfolge, die trotz schlechter Leistung erzielt wurden, sind gefährlich. Sie gaukeln Stärke vor – sie geben unberechtigt Selbstvertrauen. Auch wenn man sich als ehrgeiziger Mensch gerne am Erfolg orientiert: Es ist ein guter Ratschlag, sich vom Erfolgsdenken zu lösen und sich ein Leistungsdenken anzugewöhnen. Wer sich um seine Leistung kümmert, lässt Erfolg geschehen.

13: Besser nicht arbeiten als schlecht arbeiten

In der Physik wird Leistung in einer Formel dargestellt: Arbeit in Zeiteinheit. Ich halte das für sehr gut auf den Alltag übertragbar. Leistung ist keine Funktion der Menge der geleisteten Arbeit. Leistung ist eine Funktion der Qualität der geleisteten Arbeit. Das bedeutet, dass langfristig derjenige gewinnt, der mehr Arbeit in höherer Qualität geleistet hat. Nur konzentrierte und effektive Arbeit bringt näher ans Ziel. Leer abgesessene Stunden im Büro, schlampige Einheiten am Trainingsplatz? Vergeudete Zeit. Wenig Arbeit in viel Zeit ist gleich wenig Leistung. Ich achte in der Arbeit mit Dominic immer auf hohe Intensität. Je länger man intensiv und konzentriert arbeiten kann, desto mehr Erfolg wird man am haben. Schlecht genutzte Arbeitszeit wäre aber besser für Erholung und Familie genutzt. Fleiß ist eine hohe Tugend, aber kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck.

14: Am Ende setzt sich die Substanz durch

Wir leben in einer Gesellschaft des Scheins. Vor allem die „sozialen Medien“ erziehen Menschen ihre Konzentrationsfähigkeit ab, ihre Fähigkeit, sich ausführlicher mit der Substanz einer Sache auseinanderzusetzen. Wer sich öffentlich Gehör verschaffen möchte, muss dieses Spiel der Oberflächlichkeit offenbar mitspielen. Ich mag diese Entwicklung nicht. Sie führt uns als Gesellschaft in eine falsche Richtung. Was immer zeitgemäß war und sein wird, ist ehrliche, aufrichtige, harte Arbeit. Und ein fertiges Produkt erst dann zu verkaufen, wenn es gut genug ist, wenn es Nutzen und Wert hat. Davon bin ich überzeugt. Der Tennisprofi Dominic Thiem ist, so gesehen, ein altmodisches „Produkt“. Aber umso stolzer kann Dominic auf seinen Erfolg sein. Und umso größer wird am Ende sein Erfolg sein, davon bin ich überzeugt. In meiner Welt führt Scheinleistung nur zu Scheinerfolg.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Printausgabe 37 2018