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Missbrauch im Sport:
Jahr für Jahr ein Einzelfall

Sport - Missbrauch im Sport:
Jahr für Jahr ein Einzelfall © Bild: Shutterstock

Ein Volleyball-Trainer sitzt in U-Haft, weil er Mädchen missbraucht haben soll. Ein Pensionist turnt nackt im Schwimmbecken eines Sportzentrums, in Anwesenheit von Kindern. Zwei Fälle exemplarisch für die Hilflosigkeit, mit der im Sport auf sexuelle Übergriffe reagiert wird

Sieben Mädchen soll ein Volleyballtrainer aus Wien sexuell missbraucht haben, das jüngste davon war sieben Jahre alt. Dazu ermittelt die Polizei in 50 Verdachtsfällen von unsittlichen Berührungen. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Ermittler Kinderpornos und Videos von nackten Schülerinnen, die der Mann im Schlaf gefilmt hatte. Der Mann ist teilgeständig, sagt, er habe "überprüfen wollen, ob sie gewaschen sind". Der 60-Jährige wurde Mitte Mai festgenommen, die Taten fanden in einem Zeitraum von zehn Jahren statt. Wieso hat niemand Alarm geschlagen? Nicht die Eltern, nicht die Führung des Vereins, für den er tätig war, nicht die anderen Trainer, nicht der Leiter der Schule, in der er Einheiten abhielt? Selbst die Kinder, so heißt es von der Polizei-Pressestelle, hätten sich nicht hilfesuchend an Erwachsene gewandt. Zu den Ermittlungen kam es erst nach einer Anzeige im Sommer 2016 durch einen brasilianischen Volleyballer, der bei einem Turnier in Klagenfurt beobachtet hatte, wie der Mann ein Kind unsittlich berührte. Jetzt, wo der Täter hinter Gittern sitzt, häufen sich die Aussagen aus dem sportlichen Umfeld, dass es schon früher Verdächtigungen gegeben habe, sogar Beschwerden. Konsequenzen blieben aus. Warum?

Eine Studie der Sporthochschule Köln und der Universitätsklinik Ulm legte Ende 2016 erstmals Zahlen zum Thema Missbrauch im Wettkampfsport vor. 1.800 deutsche Kaderathleten wurden befragt. Ein Drittel erlebte mindestens einmal eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport, einer von neun erlitt schwere und/oder länger andauernde sexualisierte Gewalt. Die meisten Betroffenen waren bei der ersten Erfahrung unter 18 Jahre alt. Fazit der Studie: Spitzensportler sind genauso häufig sexualisierter Gewalt ausgesetzt wie die Allgemeinbevölkerung.

Für eine österreichische Studie fehlen die Mittel. Darum gelangen nur die schlimmsten Fälle an die Öffentlichkeit. Fast immer blieben die Täter jahrelang unentdeckt, wie ein 48-jähriger Wiener Kampfsporttrainer der 2016 verurteilt wurde oder ein 61-jähriger Ballsporttrainer aus Oberösterreich, den man 2014 überführte. Sie hatten jeweils Mädchen unter zwölf Jahren missbraucht. Taktik in der Sportpolitik: Verantwortung von sich weisen, warten, bis die Sache in Vergessenheit gerät. Die Taten als bedauerliche Einzelfälle titulieren.

Der Kinderfänger

Bei den Mädchen aus dem Wiener Volleyballverein war der Mann mit der großväterlichen Ausstrahlung beliebt. Er habe, so heißt es, Jahr für Jahr bis zu 50 Kinder neu für den Sport begeistern können. Es ist in vielen Sportarten schwierig, Menschen zu finden, die gegen geringe Aufwandsentschädigung ihre Abende und ihre Wochenenden opfern, um Kinder und Jugendliche zu trainieren. Der Verein, in dem der Mann tätig war, ist ein Aushängeschild im heimischen Volleyball. Der Erfolg basiert auch auf der Nachwuchsarbeit des mutmaßlichen Täters. Und ja, so geben jetzt manche zu, vielleicht habe man deswegen "nicht so genau hingesehen, wie es hätte sein müssen". Nahm er seine jungen Spielerinnen nach schlechten Leistungen eindringlich ins Gebet, fast so, als hätten sie ihm persönlich etwas angetan, hieß es: "So ist er eben." Gerüchte, er habe Kinder unsittlich berührt, gingen um, aber nie habe jemand konkrete Beobachtungen bezeugen wollen. Andere Trainer reagierten mit unangekündigten Kontrollbesuchen bei Einheiten des Mannes. Alles schien in Ordnung zu sein. Mit einer Anzeige, so der Insider, hätte man womöglich das Leben eines Unschuldigen zerstört, sowie den Ruf des Vereins, ja des gesamten Sports.

"In Österreich gibt es bislang kein anderes System, als Anzeige zu erstatten", sagt die forensische Psychologin Chris Karl, die der Salzburger Präventionsplattform "Kimi" vorsteht. "Daher braucht der Sport dringend eine offizielle Evaluierungskommission mit Experten, die bei Verdachtsfällen intern ermitteln dürfen. Das Urteil des Gremiums muss mit einer Konsequenz verbunden sein, sei es, dass der Trainer oder Funktionär offiziell entlastet oder eben Anzeige erstattet wird." Zusätzlich fordert die Sportwissenschaftlerin verpflichtende Regeln als Prävention von Missbrauch, die Kindern, Eltern, Trainern und Funktionären gleichermaßen bekannt sein müssen. Etwa das Sechs-Augen-Prinzip: "Dabei geht es darum, dass ein Erwachsener nie alleine mit einem Kind in einem Raum ist." In der Trainerausbildung und Fortbildung spielt das Thema sexuelle Übergriffe kaum eine Rolle. Dabei wären die Informationen ebenso für den Schutz der Trainer vor ungerechtfertigten Verdächtigungen wichtig.

Ein Vergleich um den Stellenwert des Themas darzustellen: In Sachen Missbrauch von Doping gibt es in Österreich mit der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) einen Apparat, der Spitzensportler aufklärt, aber auch ohne Verdacht rund um die Uhr kontrollieren kann. 2016 waren zehn Mitarbeiter beschäftigt, für die Kontrollen wurden 102 externe Mitarbeiter eingesetzt.

Wenn es um Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geht, verweisen Sportministerium und Bundessportorganisation (BSO) auf den Verein "100 Prozent Sport". Dort koordinieren zwei Mitarbeiterinnen vier Arbeitsgruppen, eine davon widmet sich dem Thema sexuelle Gewalt im Sport. 16 Experten zerbrechen sich ihre Köpfe ehrenamtlich, 15 davon sind Frauen. Für die Umsetzung der Resultate sind heuer noch keine Mittel aus dem Ministerium in den Verein geflossen. Stolz ist die Präsidentin von 100 Prozent Sport, Christa Prets, auf das, was trotz kleiner Ressourcen geleistet wird. Anfang des Jahres präsentierte man in Abwesenheit von Sportminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) und BSO-Präsident Rudolf Hundstorfer eine Informationsbroschüre zur Prävention von sexuellen Übergriffen im Sport. Vor Kurzem wurden in einem Workshop Mentorinnen für Präventionsarbeit geschult. Von 19 Teilnehmerinnen sind drei sofort einsetzbar, um Vorträge und Workshops abzuhalten. Voraussetzung: Ein Sportverein oder Verband fragt eine Expertin an und ist bereit, ein Honorar zu zahlen. Das Angebot nützen vor allem jene, in deren Sportarten es zu Vorkommnissen kam. Volleyballpräsident Peter Kleinmann hat sich bereits einen Termin geben lassen. Ein Vorschlag der Leiterin der Arbeitsgruppe, Rosa Diketmüller, Präventionsmaßnahmen künftig an Sportförderungen zu knüpfen, begeistert die Männer an der Spitze der Sportpolitik wenig. Die BSO schreibt in einer Stellungnahme: "Man kann nicht alles als Voraussetzung für die Ausschüttung von Förderungen knüpfen."

Der Nackte in Rif

Auch in einem anderen Fall zeigte sich unlängst die Hilflosigkeit, mit der im Leistungs-und Spitzensport sexuellen Übergriffen begegnet wird. Im Universitätsund Landessportzentrum Rif, wo die heimische Sportelite trainiert, wurde ein Mann gefilmt, als er nackt im Schwimmbecken turnte. Im Hintergrund sind Kinderstimmen zu hören. Vier Kinder sollen den Mann bis zu 50 Mal ohne Badehose gesehen haben, Beschwerden bei ihren Schwimmtrainern hätten nichts gebracht. Das erzählt die SPÖ-Sportsprecherin Niki Solarz, die den Fall öffentlich machte und unter anderem die Suspendierung des ULSZ-Rif-Geschäftsführers Wolfgang Becker wegen Versäumnisse forderte. Der reagierte empört, zumal die Verantwortung bei den Vereinen liege, die die Anlagen in Rif nützen. Er habe nur einmal von einem Vorfall erfahren, bei dem ein Mann gemaßregelt worden sei. "Sonst wäre ich", so Becker, "sofort zur Polizei gegangen."

Der Streit artete zur Schlammschlacht aus, sogar im Salzburger Landtag stritten die Politiker. Via Facebook drückten Sportler ihre Sorge um den Verbleib des Sportzentrum-Leiters aus, der, wie es im Posting heißt, sich nicht zu schade sei, "Minibeträge zu erbetteln und Budgets aufzustellen, damit in Salzburg noch irgendwelche ehrenamtlich organisierten Sportveranstaltungen auf die Beine gestellt werden können". 232 Mal gab es Daumen hoch, 24 Mal wurde das Posting geteilt. Die Politikerin wollte mit ihrem Vorgehen Aufmerksamkeit erreichen. Das ist ihr gelungen. Doch nicht der mutmaßliche Exhibitionist stand am Pranger oder jene, die keine präventiven Vorkehrungen getroffen haben, sondern Solarz selbst. Sie will Maßnahmen, die Sportgesellschaft ihre Ruhe. Alles, so ist man sich einig, wäre eine Intrige gewesen.

Die Psychologin und ehemalige Spitzensportlerin Chris Karl überrascht die Reaktion nicht. "Für die Athleten ist ihr Trainingsumfeld der Mittelpunk ihres Lebens. Daher wollen sie es nicht hinterfragen. Zusätzlich befinden sie sich in einer vermeintlichen Abhängigkeit von Funktionären und Trainern." Gewisse Vorfälle würden toleriert, aus Gruppenzwang, wegen der Karriere, auch, weil die oft Menschen beträfen, die dem Sportler nahe stehen. Man ist im Sport gewohnt, Opfer zu bringen. Opfer sein will keiner. Missbrauchsfälle werden oft erst publik, wenn Sportler die Karriere beendet haben. So begann der Skandal, der Ende des Vorjahres den britischen Fußball erschütterte. Nachdem Ex-Profi Andy Woodward seinen Jugendtrainer öffentlich des Missbrauchs beschuldigt hatte, meldeten sich 350 ehemalige Spieler bei der Polizei, um ihrerseits von Übergriffen durch Betreuer und Scouts zu berichten. Bis heute dauern die Ermittlungen an.

In Österreich sagten 2010 zwei Schwimmsportler bei der Polizei gegen ihren Trainer aus. Sie waren unter 16 Jahre alt, als er sie sexuell missbrauchte. Aber erst am Ende ihrer internationalen Karrieren zeigten sie ihn an. Weil gerade die Erfolgreichen lange schweigen, obliegt es oft jenen, sich zu beschweren, die es sportlich nicht so weit bringen. Die Vorwürfe dann als Retourkutsche gegen Trainer oder Funktionär abzutun, ist einfach. So geschehen im Fall des Trainers in Wien, so geschehen beim Nackten in Rif.

Immer noch neue Opfer

Die Ermittlungen der Sitte rund um die Vorgänge im Universitätssportzentrum sind beendet, der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft. Bei dem Nackten soll es sich um einen 77-jährigen Einheimischen handeln. Die Spitzensportwelt in Rif dreht sich weiter, Politikerin Solarz hat sich vorgenommen, am Thema Prävention dranzubleiben und sich für Frauenquoten im österreichischen Sport einzusetzen. In Wien melden sich immer noch mutmaßliche Opfer des Volleyballtrainers bei der Polizei. Auch Menschen, die strafrechtlich relevante Vorkommnisse verschwiegen haben, stehen im Fokus der Ermittler. Im betroffenen Club fühlt man sich mit dem Problem alleine gelassen. Einer, der dem Club nahesteht, der Trainer Peter Eichstädt, sagt in Absprache mit der neuen Vereinsführung: "Wir fordern von der Sportpolitik eine unabhängige Stelle, mit dafür ausgebildeten neutralen Personen, an die sich Trainer, Funktionäre, Eltern und Sportler in Verdachtsfällen vertraulich wenden können. Zum Schutze aller, auch der 99,9 Prozent Trainer, die Tag für Tag gute Arbeit leisten."

Die Mädchen im Verein hoffen auf einen netten neuen Trainer, einen, der ihnen Hilfestellungen gibt, einen den sie umarmen dürfen, wenn sie das wollen. Auch umgekehrt. Einen, der sie nicht in seine Garderobe holt, selbst wenn er keine Hintergedanken hat. Weil er die Regeln kennt.