SPÖ auf Selbstfindung, Ideen-Vakuum bei ÖVP: Entschluss für Neuwahlen war übereilt

Politstrategen vermissen Pläne für Zeit nach Wahlen Häme für Grüne: Führen "Schlafwagen-Wahlkampf"<br>PLUS: FORMAT-Umfrage ortet schlechte Wahlslogans

SPÖ auf Selbstfindung, Ideen-Vakuum bei ÖVP: Entschluss für Neuwahlen war übereilt © Bild: Reuters

Zu viel Emotion, zu wenig Strategie: Die Große Koalition ist an taktischen Fehlern zerbrochen, meinten Josef Kalina, ehemaliger Bundesgeschäftsführer und Kommunikationschef der SPÖ, und der frühere Sprecher von ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel, Florian Krenkel. Von den Neuwahlen sei die SPÖ genauso wie die ÖVP am falschen Fuß erwischt worden, zeigten sich die beiden bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien einig.

Die Voraussetzungen für eine Neuwahl seien für beide Großparteien schlecht gewesen, so Kalina: SPÖ und ÖVP seien trotz Hochkonjunktur und niedriger Arbeitslosigkeit von einem Marktanteil von 70 Prozent auf 55 heruntergerasselt. Auch Krenkel sieht nach "zwei Jahren Streit" schlechte Voraussetzungen. Er glaube daher, dass Vizekanzler Wilhelm Molterers "Es reicht" ein emotionaler Schnellschuss gewesen sei. Etwas, was der ÖVP plötzlich passiert sei, ohne dass sie eine Strategie für den Wahlkampf hatte. Krenkel begründet das damit, dass immer weniger Strategen in den Parteizentralen säßen.

Schuss nach hinten
Auch Kalina meinte, dass das Ende der Koalition von einer kleinen Runde "ausbaldowert" wurde, die sich wahnsinnig über den Faymann-Gusenbauer-Brief an die "Kronen Zeitung" geärgert habe. Den Brief als Grund für das Koalitionsende zu präsentieren, sei allerdings "gehörig daneben gegangen". Molterer habe die Koalition direkt vor einer Sitzung des SPÖ-Präsidiums aufgekündigt und der Partei die Möglichkeit gegeben, "super zu reagieren: Gusenbauer wurde in Pension geschickt und mit Faymann ein neuer Mann präsentiert, der starke Medienpräsenz bekommen hat".

Krenkel sah wiederum im Brief an die "Krone" einen Grund, weshalb die SPÖ "nicht wirklich vom Fleck kommt", weil sie pro-europäische SPÖ-Wahler abgestoßen habe. Das sei ein taktischer Fehler und vermutlich ebenso ein emotionaler Schnellschuss gewesen, wie Molterers Aufkündigung der Koalition. "Das hat sich gut angehört, und dann hat die SPÖ es einfach gemacht." Zwischenruf Kalinas: "Deswegen muss man aber noch lange nicht neu wählen!" Die ÖVP habe überzogen und zu emotional reagiert.

SPÖ auf Selbstfindung
Im aktuellen Wahlkampf versucht die SPÖ laut Kalina, sich mit dem neuen Mann Faymann an der Spitze neu zu erfinden und nicht eingehaltene Wahlversprechen vergessen zu machen. Sie müsse aber trotzdem über die laut Kalina wahlentscheidenden Zukunftsfragen sprechen. "Das Fünf-Punkte-Programm von Werner Faymann war der geschickteste Schachzug", so Kalina anerkennend. Die ÖVP fahre eine kuriose Nicht-Strategie: Einerseits geriere sie sich als Bewahrer der Staatskassa, andererseits verspreche sie Geld für die Verlängerung der Haklerregelung oder der 13. Kinderbeihilfe. "Ihnen bleibt als einziges Thema die Europafrage, aber die ist nicht so super geeignet im Land der Europaskepsis."

"Schlafwagen-Wahlkampf"
Für die Wahlkampf-Strategien der übrigen Parteien hatte Kalina nur Häme übrig: Die Grünen führten einen "Schlafwagen-Wahlkampf" ohne jegliche Strategie, Fritz Dinkhausers Kampagne zeige unterdessen "die Selbstüberschätzung eines Gebirgszampanos, der gar nichts bringt außer ein bisschen Gepolter". Und das Liberale Forum kommuniziere: "Wählt uns, weil wir so anständig sind". Krenkel bezeichnete den Wahlkampf als unwürdig: "Er hat mit Themen oder mittel- und langfristigen Zielen nichts zu tun. Die Wahlentscheidung werden die Menschen dann wie im Supermarkt aus dem Bauch heraus treffen." (apa/red)