SPÖ-Altkanzler Franz Vranitzky wird 70:
EU-Beitritt 1995 sein politischer Höhepunkt

Vom Banker zum Finanzminister und Bundeskanzler Außenpolitisch gut, aber konflikt- und risikoscheu

SPÖ-Altkanzler Franz Vranitzky wird 70:
EU-Beitritt 1995 sein politischer Höhepunkt

Altbundeskanzler Franz Vranitzky feiert heute seinen 70. Geburtstag. Unbestrittener Höhepunkt seiner zehnjährigen Kanzlerschaft war der EU-Beitritt Österreichs am 1. Jänner 1995.

Bundespräsident Heinz Fischer hat Altbundeskanzler Franz Vranitzky (S) zum 70. Geburtstag zu einem Mittagessen eingeladen, an dem u.a. auch Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (S) teilnahm. Fischer dankte Vranitzky in einem Glückwunschschreiben für dessen "hervorragende und umfassende Leistungen in der österreichischen Wirtschaft, in der Politik, in der Bundesregierung und in vielen anderen Funktionen".

EU-Beitritt stand für Vranitzky an 1. Stelle
Vranitzky habe viele Jahre der Entwicklung der Zweiten Republik, insbesondere die Zeit während seiner Kanzlerschaft, geprägt und in positiver Weise beeinflusst, wobei die Entscheidung über den EU-Beitritt Österreichs an vorderster Stelle steht. "Dein verlässlicher und souveräner Umgang mit allen Fragen, die mit dem Ungeist des Nationalsozialismus in Zusammenhang stehen, soll in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt bleiben", so der Bundespräsident. Für den Abend organisierte das Bundeskanzleramt ein Fest für Vranitzky in der Hofburg.

"Sozialist mit Nadelstreif"
Vranitzky wurde in seiner aktiven Politikerzeit als "Sozialist im Nadelstreif" beschrieben. Tatsächlich hatte er nicht die Ochsentour durch den Parteiapparat absolviert, als er 1984 als Finanzminister vom Bankgeschäft in die Politik wechselte. 1986 wurde er Bundeskanzler in der schwarz-blauen Koalition. Nachdem Jörg Haider an die Spitze der FPÖ kam, beendete Vranitzky im Herbst 1986 die kleine Koalition. Und dann folgten zehn Jahre als Kanzler einer Großen Koalition.

Neben dem weltpolitisch isolierten Bundespräsidenten Kurt Waldheim konnte Vranitzky bis 1992 auf der außenpolitischen Bühne brillieren. In dieser Zeit gelang ihm u.a. eine Aussöhnung mit Israel, nicht zuletzt dank seiner vielbeachteten Erklärung vor dem Nationalrat im Jahr 1991, in der er die Mitverantwortung Österreichs an den NS-Verbrechen aussprach. Das bedeutendste außenpolitische Ereignis in der Amtszeit Vranitzkys war der Beitritt Österreichs zur EU, für den sich bei der Volksabstimmung im Juni 1994 zwei Drittel der Österreicher ausgesprochen hatten.

Kein Gestalter, sondern nur Moderator
Trotzdem haben ihm Kritiker während seiner Regierungszeit vorgeworfen, entscheidungsschwach gewesen zu sein, konflikt- und risikoscheu. Er habe stets nur reagiert, anstatt zu agieren, er habe nicht gestaltet, sondern den politischen Prozess nur moderiert. Vranitzky sei als Regierungschef unnahbar und distanziert gewesen. Das Stammtisch-Milieu ist nie das seine gewesen, seine Sprache stets gepflegt, wenn auch seine Worthülsen - "da besteht Handlungsbedarf" - und seine nicht endenwollenden Schachtelsätze nicht immer zu klaren Aussagen geführt haben.

Als überzeugter Antifaschist hat Vranitzky nicht nur die Rolle Österreichs während der NS-Zeit neu definiert, er ging stets auf deutliche Distanz zur Haider-FPÖ. Das Schlagwort "Ausgrenzungspolitik" war geboren. Das Problem des Kanzlers und SPÖ-Chefs: Er hatte bei Regierungsbildungen immer nur eine einzige Option, nämlich die ÖVP. Die SPÖ verlor unter Vranitzky bei fast allen Wahlen Stimmen, blieb aber immer vor der ÖVP. Die ÖVP ging dann stets aus den Regierungsverhandlungen als Sieger hervor. Der Nebeneffekt: Die FPÖ stieg in dieser Zeit zur Mittelpartei auf.

Einfache Herkunft
Der gebürtige Wiener stammt aus dem Arbeitermilieu. Heute logiert der Alt-Kanzler längst in einer Villa in Wien-Döbling und nennt ein Haus auf der griechischen Insel Kreta sein Eigen. In seiner Jugend war er begeisterter Basketballer, in seiner aktiven Politikerzeit spielte er Tennis, seit der Pension Golf. Als er 1997 das Kanzleramt und den SPÖ-Parteivorsitz an Viktor Klima abgegeben hatte, zog er sich aus der Politik zurück. In der Öffentlichkeit steht er bis heute, etwa als im Vorjahr im Zuge des BAWAG-Skandals der Banker Wolfgang Flöttl von dubiosen Beratungs-Honoraren an Vranitzky berichtete.

Vranitzky ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und Großvater von sechs Enkelkindern. (APA/red)