Spitzentöne von

Die Weltplage der Regie-Epigonen

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Nichts altert grausamer als die Avantgarde von gestern: Diesem theatralischen Naturgesetz sind schon Bühnensensationen ohne Zahl erlegen. Die halbkreative Kunst des Inszenierens bringt es mit sich, dass sich ihre Exponenten zum Schöpfungsakt aufgerufen fühlen. Da sie es aber mit schon vorliegendem Textmaterial zu tun haben, sind stilistische Maßnahmen gefordert. Mit Glück findet sich dann ein Genie, das der Theatergeschichte eine Handschrift hinzufügt. Bert Brecht als Dichter und Regisseur war ein solcher Fall, allerdings mit herben Folgen: Brecht ließ in seinem Ostberliner Theater gern westliche Regiestudenten bei den Proben zusehen. Hatte er sie dann freundlich verabschiedet, kamen sie als angebliche Brecht-Schüler über die Welt. Wo der Meister originell und radikal war, quälten sie das Publikum mit geballter linker Faust und todesfadem Thesentheater. So ergeht es heute Frank Castorf, der in Berlin das Theater neu erfunden hat. Nur, dass im mittlerweile dritten Jahrzehnt Rudel inspirationsfreier Epigonen Videopassagen auf die Bühne übertragen, Fremdtexte und debiles Kabarett in honorige Theaterstücke verschneiden und Schauspieler zu Schreikretins deformieren. Zu beobachten ist all das in der aktuellen Volkstheater-Produktion von Horváths "Kasimir und Karoline", die ich hiermit Ihrer Nichtwahrnehmung anempfehle.

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