Die Welt vorher,
die Welt nachher

Terminkalender, die einer anderen Zeit zu entstammen scheinen, Weltereignisse, die wanken. Kunst muss in dieser Zeit als Überlebensmittel verstanden werden - wie in größten Zeiten der Not

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Warum sollen Sie es mir glauben, wo ich es selbst kaum glauben kann? Die vergangenen 14 Tage waren die vielleicht ersten seit dem 19. Jänner 1969, in denen ich weder ein Theater noch ein Opernhaus betreten habe. Zu den ganz frühen Jahren ist einschränkend zu bemerken, dass ich während der Ferienmonate ruhiggestellt war und mich dabei vor Sehnsucht nach der Oper und ihrem Stehparterre verzehrt habe. Andererseits hatte ich dort seit jenem lebensverändernden Debüt übers Jahr je 100 Vorstellungen angesammelt, die der gewogene Leser ins Gesamtaufkommen einrechnen wolle. Dann begann schon die Anfängerzeit als Kleinbühnenkritiker mit der Ochsentour durch die kleinen Sommertheater. Und dann durfte ich ins große Fach, und das Luftholen des Betriebs zwischen den Festwochen und den Festspielen in Salzburg und Bregenz ermöglichte gerade zehn Tage Urlaub.

Und jetzt? Wie aus einer versunkenen Welt brüllt mir mein Handy allmorgendlich Phantomtermine zu: Josefstadt, Akademietheater, Theater an der Wien, die Aufzeichnung meines Literaturmagazins (viel zu viele Leute im Raum), ein öffentliches Gespräch mit Gottfried Helnwein, Vorträge, die Freunde nicht zu vergessen ... es ist, als gäbe es eine Zeit vorher und eine nachher. Und es geht so weiter, ungewiss, wie lang.

Weshalb diese Art Geschwätzigkeit in eigener Sache, wo es doch Vordringlicheres gibt? Weil ich zwar meine Skepsis gegen unsere Regierung revidieren muss: Es geschieht etwas, um die Freischaffenden nicht ins Prekariat zu entlassen. Aus mehreren Töpfen werden fünf Millionen gezaubert (es müssen mehr werden). Die Stadt Wien verlangt Förderungen nicht zurück und engagiert Künstler ins leere Rabenhoftheater zu Übertragungen auf dem Stadtsender W24. Überhaupt blüht Kunst aller Sparten in den digitalen Medien. Das Buch ist wieder ein hohes Gut -ein Jammer nur, dass die Buchhandlungen geschlossen sind, weshalb vor allem der Download und die Versandkonzerne profitieren. Dabei verzögern Letztgenannte nachvollziehbar die Zustellung nicht lebensnotwendiger Güter, während der niedergelassene Buchhändler gern und schnell verschicken würde -geben Sie ihm die Chance, die er in dieser Zeit ums Leben braucht!

Aber dann schärfen sich allmählich die Schatten, die über der gar nicht fernen Zukunft liegen. Und keineswegs nur über den kleinen Sommertheatern, an denen Existenzen hängen.

Die Bayreuther Festspiele haben schon vor Wochen eine Krisensitzung einberufen: Heuer wäre der "Ring" zu schmieden, die Proben zu den vier Opernabenden müssten Anfang Mai beginnen, woran keiner glauben mag.

Und Salzburg: die geliebten Festspiele, die heuer ihren 100. Geburtstag in künstlerischem Glanz begehen wollen. 1920 wurden sie begründet, und die zum Zwergstaat abgeräumte Weltmacht argumentierte ihre Existenzberechtigung glanzvoll über die Kunst. Abgesagt wurden sie nur einmal, 1944 über Anordnung Goebbels' nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler. Und als sich 1945 der Unrat in die dunklen Ecken verzogen hatte, da spielte man wieder, und es wurde die kurze Stunde der großen Vertriebenen.

Und heuer? Die Weltelite des Gesangs, der Regie, des Schauspiels steht bei Probenbeginn womöglich vor geschlossenen Grenzen. Sie könnte dort leicht auf ihr Publikum treffen. Aber lesen Sie, was Tobias Moretti im Interview ab Seite 68 zu bedenken gibt. Er fleht förmlich, nicht abzusagen, vorausgesetzt, es darf gespielt werden. Weil mit den Festspielen, die auf den Trümmerhaufen eines Krieges entstanden sind und sich auf den Trümmerhaufen eines weiteren Krieges erneuert haben, auch ein riesiges Stück Zuversicht abgesagt würde. Eventuell ist Improvisation nötig. Aber verstummen darf Salzburg nicht. Nie.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at

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