Spitzentöne von

Tote Fische und
bleierner Blankvers

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Am 12. Mai beginnen die Wiener Festwochen, die, über ihren bescheidenen budgetären Rahmen hinaus, oft ins historisch Relevante expandiert sind. Harnoncourt dirigierte hier seine ersten Opern, Peymann und Castorf etablierten sich mit Gastspielen auf Wiener Boden, und als nachhaltiges Aperçu zur Intendanz des fragilen Genies Luc Bondy errichtete Christoph Schlingensief vor der Oper seinen Flüchtlingscontainer. Nun werden sechs Jahrzehnte Festivalgeschichte quasi entsorgt: Tomas Zierhofer-Kin hat die Leitung übernommen und implantiert das von ihm zuvor geleitete avantgardistische Donaufestival in die Großstadt. Der habituelle Schlingensief-Anteil liegt bei 95 Prozent (leider naturgemäß ohne den 2010 verstorbenen Peter Pan der Subversion und ohne dessen Radikalität). Das klassische Opern-und Konzertprogramm ist storniert, und im "Standard" erklärte Zierhofer, dass ihn klassisches Theater nicht interessiere, weil er mit "teuer produzierten toten Fischen" nichts im Sinn habe. Das erinnert an eine Theaterkritik, die jüngst einer "Nathan"-Inszenierung des Volkstheaters vorwarf, nicht ausreichend gegen Lessings "bleierne Blankverse" eingeschritten zu sein. Die Produktion ist übrigens ausverkauft. Das wünsche ich in kulturdarwinistischen Zeiten sorgenvoll auch den Festwochen und ihrem interessanten Programm.

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