Spitzentöne von

Sterben bei bester Gesundheit

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Im 99. Jahr seit seinem Untergang beweist der Salzburger Jedermann beharrlichen Überlebenswillen. Die Besetzung ist jetzt perfekt, die Inszenierung ansehnlich.

Dass dem Erste-Hilfe-Set, das der Routinier Michael Sturminger vor drei Jahren öffnete, etwas derart Haltbares wie die nach wie vor aktuelle "Jedermann"-Inszenierung zu verdanken wäre: Daran hatten vermutlich auch die Urheber selbst gezweifelt. Hätte damals nicht der neue Titeldarsteller Tobias Moretti viele Unzulänglichkeiten weggeglänzt, hätte nicht ein Presse-und Internet-Mob Stefanie Reinsperger, der neuen Buhlschaft, rülpsend unter die unvorteilhafte Robe gelangt, so wäre von diesem "Jedermann" wohl nichts in Erinnerung geblieben. Drei Jahre später erfreut sich das damalige Dreizehnwochen-Frühchen bester Gesundheit. Man möchte Moretti dafür danken, dass er 2017 den Bruch mit dem englisch-amerikanischen Regieteam herbeigeführt hat. Zumal seine Motive nachvollziehbar waren: Er wollte sich nicht vorkehrungslos in das kleine Schuhwerk seines Vorgängers Cornelius Obonya zwängen, sondern verlangte die selbstverständliche Zuwendung, die ihm die Regisseure Crouch und Mertes nicht angedeihen lassen wollten. Denn hier waren zwei Denkschulen kollidiert: die angloamerikanische, die ihre Musical-Arrangements in wechselnden Besetzungen um die Welt schickt und sich unter Androhung hoher Pönalen gegen jede Art schauspielerischer Eigenleistung verwahrt, und die kontinentaleuropäische, die sich aus eben dieser Eigenleistung legitimiert. Also reisten die Herren ab, und Sturminger stellte unter Hintansetzung seiner Verpflichtungen als Intendant der Sommerspiele von Perchtoldsdorf den Not-"Jedermann" auf die Bühne. Was da nach Christian Stückls Überammergauer Erdenschwere (2002 bis 2012) und Crouch-Mertes' Disney-Barock (2013 bis 2016) zu sehen war, führte den "Jedermann" auf jene Atouts zurück, die ihm seit bald 100 Jahren sein Unterkommen sichern: auf die nun wieder fast unbeeinträchtigte Kulisse des Domplatzes und den Glanz eines wahren Protagonisten.

Womit nun das Kabinett Sturminger drei zu bewerten ist. Denn viele Rollen wurden in diesem "Jedermann" umbesetzt, und diesen Umbesetzungen verdankt die Inszenierung wesentlich ihr diesjähriges Gelingen. Verzichtbar sind nach wie vor die dramaturgischen Umstellungen: Die "Jedermann"-Rufe wurden im Original schon an der richtigen Stelle abgelassen. An den Anfang gestellt, verhallen sie wirkungsarm. Klug hingegen ist die (von Stückl ersonnene) Personalunion des guten Gesellen und des Teufels: Wie einen ja, die Ereignisse von Ibiza zeigen es exemplarisch, niemand so sicher in die Hölle führt wie ein Blutsbruder.

Diese Doppelrolle, zuletzt himmelschreiend heruntergefahren, führt nun der Großkomödiant Gregor Bloéb wieder in die Liga der Teufelskerle, die im Verlauf des knappen Jahrhunderts hinter Jedermanns Seele her waren: Hier waltet elementar der komische Böse, dem der Volksaberglaube das Angstmachende abräumen wollte. Geblieben sind, alle großartig, Edith Clever (Mutter), Peter Lohmeyer (der von der Regie am weitesten entwickelte hermaphroditische Tod) und Mavie Hörbiger (Werke). Moretti selbst: einer mit dem Protagonisten-Gen. Sein Jedermann hat die Illusionen schon abgelegt, noch ehe ihn alle verleugnen. Die Macht, die er hemmungslos ausübt, schmeckt ihm schal. Seine Fassungslosigkeit, wenn das Fest des Unmaßes plötzlich sein Ende nimmt, wird man nicht vergessen. Der Clou aber ist Valery Tscheplanowa in der Un-Rolle der Buhlschaft, eine erste Schauspielerin aus bestem Haus (Gosch, Castorf). Statt der Partie zweienhalb Jahrtausende Tragödiengeschichte auf die Schultern zu packen, schärft sie das wortarme Malheur zur Brecht-Gestalt (der eingelegten Moritat hätte es dazu nicht bedurft): hoch erotisch, klar im Kopf, künstlerisch perfekt proportioniert.

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