Spitzentöne von

Schnäppchenjagd in der Geschichte

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Dass es einmal so kommen würde, war zu hoffen, wenn auch nicht abzusehen: Der Lyoneser Opernintendant Serge Dorny lässt u. a. Heiner Müllers "Tristan" und Ruth Berghaus' "Elektra" rekonstruieren - maßstabsetzende, zeitlos avantgardistische Inszenierungen der Vergangenheit (und somit das Gegenteil von Retro-Ästhetik, über die das Feuilleton sogleich zu mäkeln anhub). Bei den diesjährigen Salzburger Osterfestspielen wiederum fand man leider Karajans praktikable Regiebücher nicht mehr. Also musste man die nachgebauten, 50 Jahre alten "Walküre"-Bühnenbilder von Günther Schneider-Siemssen durch die Regisseurin Vera Nemirova neu befüllen lassen. Nemirovas Einfälle sind inferior, das von Müller und Berghaus Geleistete hingegen war genial. Genial war auch Wieland Wagners Wiener "Elektra" aus dem Jahr 1965, die 1989 durch eine fast gleichrangige Arbeit Harry Kupfers abgelöst wurde. Die bewährte sich ihrerseits, bis 2015 Uwe Eric Laufenberg eine seinem Hauptdienstort Wiesbaden angemessene Neuinszenierung erstellte. Die Konsequenzen liegen auf der Hand, speziell in der Staatsoper, wo man seit Jahrzehnten mit kanonisierten "Tosca"-, "Rosenkavalier"- und "Bohème"-Inszenierungen glücklich ist: Fehlt es der Direktion an szenischen Visionen, soll sie besser in der Operngeschichte einkaufen gehen, und zwar weltweit und in Demut.

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