Schlag ins Gesicht und gesunde Watsche

Dass kürzlich 95 Wiener Philharmoniker geimpft wurden, ist ein Skandal: Es müssten seit Jänner alle 148 immunisiert sein. Die beklagenswerten freien Theatermacher sind den Kunstfeinden aufgesessen

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Fünfundneunzig von 148 Wiener Philharmonikern wurden vor Wochenfrist geimpft, und in der Tat ist das ein Skandal: dass sie nicht schon im Jänner geimpft wurden, und dass noch nicht alle 148 an der Reihe waren. Meinen verehrten Lesern, mit denen ich mich fast immer auf magische Weise eins weiß, brauche ich diese Feststellung kaum zu belegen. Sie wissen, unter welch enormen Risiken die Philharmoniker seit Juni die Grundversorgung für intellektuell und emotional Alphabetisierte aufrecht erhalten. Während anderswo die Orchester, wenn überhaupt, in Zweimeterabständen erweiterte Kammermusik spielen, haben die Philharmoniker Ungeheures an Logistik, Courage und Selbstdisziplinierung auf sich genommen. Sie haben sich früh mit der Wissenschaft verständigt, und die Studie, die nachweisen konnte, dass man unter Vorkehrungen im Orchestergraben sicherer ist als beim Prügeln um Gartenkrallen im Baumarkt, hat die Welt umrundet. Die Philharmoniker unterziehen sich seit bald einem Jahr Testritualen, die auch kommerziell an die Substanz gehen. Man diszipliniert sich im Alltag und im Umgang untereinander auf das Äußerste. Deshalb konnte man im August, als über dem Kultursommer Totenstille lag, bei den Salzburger Festspielen in Höchstbesetzung "Elektra" und eine Bruckner-Symphonie spielen. Hundert Musiker saßen da dicht an dicht ohne Masken bei einander. Mir fiele nicht ein, wo sonst in der westlichen Welt derzeit unter solchen Bedingungen gearbeitet würde.

"Elektra" stand auch im Zentrum der Ereignisse, als im Herbst für eine kurze, wunderbare Zeit die Oper spielen durfte. Dann war alles zu, aber die Philharmoniker haben zu Zeiten bodenloser Depression die meisten Seher und Hörer in der Geschichte des Neujahrskonzerts erreicht. Außerdem haben sie im Goldenen Saal einen Bruckner-Zyklus unter Thielemann eingespielt und für das Fernsehen Konzerte unter Jordan und Welser-Möst aufgenommen. Sie haben daran nicht verdient, sondern ihre stattlichen Reserven bis zum Ultimo bemüht, denn allein die Ausfälle aus den abgesagten Tourneen gehen ins Unermessliche. Und noch als Kurzarbeiter in der geschlossenen Staatsoper haben sie für den Sender ORF III sechs Premieren und fünf Repertoirevorstellungen geprobt und gespielt. Denn die Philharmoniker und Bogdan Roscic haben einander im gemeinsamen Faible für kalkulierte Tollkühnheiten gefunden.

Wie aber der zusehends majoritären Fraktion der Bildungsfernen in Gesellschaft, Regierung und Publizistik erklären, wozu alle diese Mühewaltungen erforderlich sind? Vielleicht so: Als im August die Festspiele aufsperrten, stieg die Belegung der klinisch toten Salzburger Stadthotellerie von zehn auf 50 Prozent. Und sollte demnächst trotz gefährlicher Kanzlerdrohung tatsächlich ein Licht am Tunnelende auffunzeln, wird es wesentlich von der Oper, dem Musikverein, dem Konzerthaus abhängen, ob sich wieder Chinesen oder Amerikaner ins Land bemühen. Nicht grundlos war Harald Mahrer, dem ich kein libidinöses Verhältnis zur Kunst unterstelle, der Einzige, der beharrlich den Wiederaufbau auch der Kultur gefordert hat.

Wenigstens das, so sollte man meinen, müsste einleuchten. Doch just in dieser Situation reibt die "IG Freie Theaterarbeit" auf: Die Impfungen für die Philharmoniker kämen einem "Schlag ins Gesicht aller anderen Künstler*innen" gleich. So viele Gender-Sterne können sie mir gar nicht um die Ohren hauen, dass ihnen dafür nicht eine gesunde Watsche gebührte. Vorauszuschicken ist, dass den so schätzens-wie beklagenswerten Freiberuflern in keinem hiesigen Periodikum soviel Platz und Zuwendung zuteil wurde wie hier. Aber sich von den Kunstfeinden mit dem dümmsten und abgebrauchtesten aller Eisenbahnerschmähs vor die Lokomotive spannen zu lassen: Das kann nicht ungeahndet bleiben. Künstler mit den Instrumentarien des Brotneids gegen andere Künstler aufzubringen, ist so niederträchtig wie das wohlbekannte Aufrechnen des winzigen Kultur-gegen das riesige Sozialbudget.

Der Kunst geht es im Augenblick miserabel, und die Schwachen werden die Solidarität der Starken ums Leben brauchen. Jeder Künstler soll geimpft werden, und jeder, der geimpft wurde, soll von den anderen beglückwünscht statt denunziert werden. Dass eine zehn Personen starke, zur Untätigkeit verdammte freie Gruppe anderen Prioritäten unterliegt als ein hoch aktives Kollektiv von 148 Musikern, erscheint mir nachvollziehbar. Systemrelevant sind beide. Denn Kunst ist ein Grundnahrungsmittel. Ob es im Steirereck, bei McDonald's oder bei der halbprivaten Haschkekseproduktion zur Verarbeitung gelangt, ist beinahe gleichgültig. Aber nicht ganz.

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