Spitzentöne von

Salzburger
Provinzkabalen

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Der Konflikt zwischen Christian Thielemann und Klaus Bachler um die Osterfestspiele eskaliert: Vermutlich verabschiedet sich der Weltdirigent 2021 -mit Anna Netrebkos erster Turandot!

So lang hat man uns seitens der Salzburger Politik mit Beschwichtigungsgeschwätz belästigt, dass nun die Amtskappe bis zum Mönchsberg brennt. Der Dirigent Christian Thielemann und sein designierter künstlerischer Leiter Klaus "Nikolaus" Bachler würden schon noch zueinander finden: Das haben uns die Verantwortlichen für die Salzburger Osterfestspiele auch noch versichert, als Thielemann schon mehrfach erklärt hatte, mit Bachler nicht zusammenarbeiten zu wollen. Jetzt ist es den regierenden Provinzwoiwoden und Kleinstadtschulzen gelungen, das zuletzt florierende Festival wieder einmal in seiner Existenz zu gefährden: Ab 2020 gibt Pensionist Bachler (derzeit noch Münchner Oper) in Salzburg den "geschäftsführenden Intendanten", zwei Jahre später übernimmt er die "künstlerische Gesamtleitung".

Da die künstlerische Leitung aber in den Händen Thielemanns liegt, dem Bachler rüde und unverschämt vor die Nase gesetzt wurde, ist die Planung der Festspiele blockiert: Thielemann will 2022 "Lohengrin" und 2023 "Elektra" dirigieren, Bachler wünscht "Freischütz" und "Der fliegende Holländer". Was nun? Thielemann hat seine Planung bereits abgeschlossen -Katharina Wagner soll beide Werke inszenieren (wodurch eventuell sogar Synergien mit Bayreuth möglich wären), die Sänger entsprechen dem Weltformat des Dirigenten.

Die weiteren Vorgänge zeichnen sich ab: Thielemanns Vertrag mit den Osterfestspielen läuft 2021 aus. Kündigt ihn keiner der Vertragspartner, verlängert er sich automatisch um ein Jahr. Dass Bachler dem Weltdirigenten die Programmwahl vorschreiben könnte, ist allerdings so abseitig, als brächte sich das Garderobenpersonal des Burgtheaters in die Endfassung eines Auftragsstücks von Elfriede Jelinek ein. Deshalb wird keiner nachgeben, und Bachler wird Thielemanns Vertrag kündigen. Damit verabschiedet sich automatisch auch die Staatskapelle Dresden, die mit ihrem Chefdirigenten Thielemann die Osterfestspiele bestreitet. Dabei sollte man wissen, womit Thielemann 2021 vermutlich adieu sagt: Anna Netrebko, die er schon zu ihrem Wagner-Debüt im "Lohengrin" bewegen konnte, singt da ihre erste Turandot - mit Puccinis Abschiedswerk vollzieht die Netrebko den Sprung ins hochdramatische Fach!

Was Bachler mit diesem Vorgehen beabsichtigt, ist nicht schwer zu durchschauen: Die Berliner Philharmoniker haben die Osterfestspiele 2013 inmitten einer gestandenen künstlerischen Krise im Stich gelassen und sich mit ihrem Chefdirigenten Simon Rattle ins besser zahlende Baden-Baden davongemacht. Als daraufhin die Existenz der Osterfestspiele in Frage stand, übernahmen Thielemann und die Dresdner mit Können und Fortüne. Da aber sowohl die Berliner als auch Rattle in Opernbelangen Amateurstatus verkörpern, gleichen ihre Resultate in Baden-Baden den zuvor in Salzburg erzielten: miserable Kritiken und zusehends schütter besuchte Vorstellungen. Ihr 2022 auslaufender Vertrag dürfte nicht verlängert werden.

Also zieht es sie an die Salzach zurück, und ihre Chancen stehen gut, denn die Berliner übernimmt nächstens Bachlers Intimus Kirill Petrenko. Zusammengefasst sollen also Thielemann und die Dresdner, die den Osterfestspielen aus einer katastrophalen Situation geholfen haben, aus der Stadt terrorisiert werden, damit die Verursacher des Debakels ungehindert Heimkehr feiern können. Dass die Salzburger Politiker diese Amateurkabalen durch Bachlers Berufung unterstützen, belegt abermals ihren überragenden Intellekt. Wien aber könnte von der Situation profitieren: Im Musikverein tritt eine neue Führung an - den von den Philharmonikern auf Händen getragenen Thielemann etwa für ein erweitertes Führungsgremium zu gewinnen, käme einem Glücksfall gleich. Nicht zu reden von einer jährlichen Osterpremiere in der Staatsoper.

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