Spitzentöne von

Salzburger Luxusprobleme

Herrliche "Walküre" bei den Salzburger Osterfestspielen - doch die Zukunft ist wieder ungewiss

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Fünfzig Jahre nach ihrer Gründung haben sich die Salzburger Osterfestspiele der Programmierung des Gründers, Herbert von Karajan, besonnen, wieder Wagners "Walküre" ins Programm gerückt und auch das seinerzeit von Günther Schneider-Siemssen entworfene Bühnenbild rekonstruiert. Besser hätte man auch gleich Karajans Regiebücher hervorgeholt. Denn was die Regisseurin Vera Nemirova den kosmischen Spiralnebeln des Originalbildes an Pointen implantiert hat, bewegt sich im intellektuellen Epizentrum der Jahrgangsabschlussparty einer Neuen Mittelschule.

Besetzt ist das Ganze hingegen für heutige Begriffe optimal: Peter Seifferts Siegmund lässt in vorgeschrittenem Alter bei leicht reduzierter Kraft keinerlei Schönheit des Singens vermissen. Anja Kampe ist eine tadellose Brünnhilde, Georg Zeppenfeld ein ebensolcher Hunding und Christa Mayer eine ordentliche Fricka. Anja Harteros, die Sieglinde, hätte zu allen Zeiten gegen olympische Konkurrenz bestanden, Vitalij Kowaljows stimmschöner, ausdrucksstarker und wortdeutlicher Wotan ist eine wahre Entdeckung. Die Könnerschaft der Besetzungsabteilung erweist sich auch an den ungewohnt brillant singenden acht Walküren. Ereignishaftes aber kommt von der Staatskapelle Dresden, die unter Christian Thielemann bis dahin Ungehörtes an klanglicher Feinarbeit, zehntelsekundengenauen dynamischen Steigerungen und verblüffenden Farbmischungen vorlegt.

© APA/NEUMAYR/LEO Peter Seiffert (Siegmund) und Anja Kampe (Brünnhilde)

Einer umso dringlicheren Lösung harrt die seit vergangenem Sommer virulente Causa, von der die Zukunft der Osterfestspiele zentral abhängt: Thielemanns Vertrag als Chef der Dresdner Staatskapelle endet 2019, aber beide sind bis 2020 an die Osterfestspiele gebunden. Das Orchester entscheidet per Abstimmung über den Verbleib seines Chefdirigenten. Der aber hat innerhalb des Kollektivs Anhänger und Feinde.

Dazu kommen Differenzen Thielemanns mit dem designierten Intendanten der Dresdner Semperoper, Peter Theiler, der 2018/19 antreten soll. Ein weiterer Dresdner Designatus, der Lyoneser Opernchef Serge Dorny, wurde nach Kompetenzstreitigkeiten mit Musikchef Thielemann schon 2014 nach Frankreich zurückgeschickt (und gewann anschließend den Schadenersatzprozess gegen den Freistaat Sachsen). Nachfolger Theiler soll immerhin zum Einlenken bereit sein, zumal die Politik Thielemanns Verbleib wünscht.

Über den aber entscheidet das Orchester, und die Chancen werden von Kundigen bemerkenswert unterschiedlich, nämlich mit 90 bzw. 50 Prozent, bewertet. Die ursprünglich für Ende April veranschlagte Abstimmung soll nun weiter in Richtung Sommer verschoben werden. Stimmt man gegen Thielemann, wird die Situation unübersichtlich. Wie, wenn der weltformatige, bekannt streitbare Maestro dann in Dresden zürnend hinwirft? Erklären sich Dirigent und Orchester trotzdem zur Zusammenarbeit in Salzburg bereit? Oder bleibt dort nur die Staatskapelle, womöglich unter dem als Thielemann-Nachfolger oft genannten Franz Welser-Möst? Oder erfüllt Thielemann seinen Vertrag mit einem anderen Orchester, etwa mit den ihm freundschaftlich verbundenen Wiener Philharmonikern? Oder wird das Konzept Wirklichkeit, das die Wiener schon vor Jahren mit Welser-Möst für die Osterfestspiele erarbeitet haben? Oder kommen gar die 2013 nach Baden-Baden abgeworbenen Berliner Philharmoniker unter ihrem designierten Chef Kirill Petrenko wieder? Das Szenario nimmt sich aus, als habe es Vera Nemirova arrangiert.