Spitzentöne von

Salzburg zum Angewöhnen

Die Bilanz der Festspiele: die besten Produktionen, Dirigenten, Sänger und Regisseure

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Um diese Zeit pflegten die Salzburger Festspiele sonst in der Schönheit der letzten Orchesterkonzerte zu entschlafen. Aber "sonst" war früher. Und folgerichtig erreichte dieser umfassend ungewöhnliche und aufregende Opernsommer im Verlöschen seinen Höhepunkt: Aribert Reimanns "Lear", ein Schlüsselwerk der Moderne, geriet zum musikalischen, gesanglichen und szenischen Modellfall (die ausführliche Kritik finden Sie auf www.news.at/kritiken).

In erster Linie verantworten dies Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker, denen damit in diesem Rückblick die erste Goldmedaille zukommt: Welser-Möst, weil er die wuchtige, archaische und doch komplizierte Partitur mit magisch schönen Ruhepunkten aufgefächert hat. Und dem Orchester, weil es in diesem Jahr mit einem übermenschlichen Pensum Hochkompetenz von Verdi bis Reimann bewiesen hat.

Simon Stone, der "Lear" in Szene gesetzt hat, teilt sich den Regiepreis mit gleich drei Kollegen: Peter Sellars ("La clemenza di Tito"), Andrea Breth (Pinters "Geburtstagsfeier") und William Kentridge ("Wozzeck") drangen aus teilweise extrem gegensätzlichen Theaterpositionen zur höheren künstlerischen Wahrheit vor.

Der Festspielsommer 2017, der erste des generalzuprämierenden Intendanten Markus Hinterhäuser, war wesentlich einer der Dirigenten. Mariss Jansons ließ die Philharmoniker mit Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" noch ein Stück über sich hinauswachsen. Riccardo Muti gab Verdis "Aida" ihre impressionistische Schönheit zurück. Und: Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte man keinen großen, überzeugenden Mozart mehr auf der Bühne gesehen. Teodor Currentzis brachte ihn in der Gestalt seines Orchesters, seines Chors und einer kaum prominenten Solistenbesetzung aus Perm im Uralvorland - dieser "Tito" war der denkbar aufregendste Beweis für die Unberechenbarkeit und Unbestechlichkeit der Kunst. Und ein Sommer der Sängerinnen war das! Während bei den Herren die Baritone Gerald Finley ("Lear") und Matthias Goerne ("Wozzeck") den Bewerb unter sich ausmachten, glänzten die Frauenstimmen in mehreren Fächern und Disziplinen. Marianne Crébassa als verzweifelter Attentäter wider den milden Tito, Nina Stemme als Schostakowitschs russische Lady Macbeth, Asmik Grigorian, die "Wozzeck"-Marie (von der man im nächsten Sommer Spektakuläres hören und sehen wird), sowie die zu Schwarzmarktpreisen vergötterte Anna Netrebko, die als Aida opernhistorische Maßstäbe setzte: Das versteht man unter Festspielen, für die man gern von weiter herreist.

© APA/BARBARA GINDL Lear" Gerald Finley, machtlos, gedemütigt, am Ende seiner Geisteskräfte

Die schönsten Produktionen?"Tito", weil er so vollkommen im Unvollkommenen - und "Lear", weil er so vollkommen im Vollkommenen war.

Dass unter all den Ausnahmeereignissen bisher nur ein Posten - Andrea Breths Pinter-Regie - das Sprechtheater betroffen hat, ist kein Zufall: Hinterhäusers Schauspielchefin Bettina Hering konnte den kühnen, stets überraschenden Schwung des Opernprogramms nicht weitertragen. Sie bot solides Staats- bis Stadttheater, wobei Lina Beckmann, die Titeldarstellerin in Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd", eine bewundernde Erwähnung verdient. Auf Kosten des Schauspielprogramms geht auch die einzige veritable Sommerkatastrophe, Wedekinds "Lulu". Dass dem "Jedermann" die Regisseure abhandenkamen, sei der Direktorin geschenkt. Denn im eilgefertigten Ersatzprodukt glänzte Tobias Moretti als einsamer Held inmitten theatralischer Regionalbewerbe.