Die Operette ressortiert nicht beim Dschungelcamp

Die neue Direktion der Volksoper eröffnet mit dem zusehends vernachlässigten Genre. Das ist gut. Schlecht ist das Krawall-Musical, das aus Millöckers liebenswerter "Gräfin Dubarry" wurde. Und: Schauen Sie beim Musiktheaterpreis vorbei!

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Eine neue Theaterdirektion touchiert man als erzogener Kritiker nie mit dem Bulldozer. Es gab sogar Zeiten, da hielt selbst der blutgierigste Unhold verbindliche drei Monate Schutzfrist ein. Lassen Sie mich, weder Unhold noch blutgierig, also mit dem Positiven beginnen: Die neue Direktion der Wiener Volksoper hat mit einer Operette eröffnet. Das ist ein begrüßenswerter Vorgang zu Zeiten, da die Festspiele von Mörbisch auf Musical-Massenbetrieb umgerüstet wurden. Leider ohne Massen, aber gut für die Entlastung des durch Strauß und Lehár übergebührlich strapazierten Gendarmenohrs.

Wenn allerdings das, was ich am vergangenen Samstag in der Volksoper gesehen und vor allem gehört habe, der Rettung des Genres dienen soll, so wäre die Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen zumindest vorsichtig ins Auge zu fassen. "Gräfin Dubarry" ist eine ansprechende, aber nicht die beste Operette des Österreichers Carl Millöcker (1842-1899). Was den Berliner Kollegen Theo Mackeben bewogen hat, anno 1930 just dieses Werk einer knatterfrohsinnigen Jeneralreform (mit Jott!) zu unterziehen, bleibt unergründet. Die um diese Zeit kreierte Form der Revueoperette vollendete sich im Tonfilm, und mag der nach 1933 auch scheußlichen Herren gedient haben, so hat er doch schöne Resultate gezeitigt.

Für das, was jetzt in der Volksoper geboten wird, sind indes weder die Revueoperette noch der Tonfilm zu belangen. Im Verstärkerrausch, als müsse man die 83,7 Kilometer bis Mörbisch überbrücken, erzeugt man ein musikalisch nahezu gestaltloses Radau-Musical. Millöckers, auch Mackebens kompositorische Ambitionen sind schon in der Ouvertüre kaum zu identifizieren, der Chor schwimmt wie lang nicht mehr, die Sänger - unter ihnen ein enger Krawatteltenor, der von jedem außer Dienst gestellten Ensemblemitglied mit Gewinn substituiert würde - schreien durch übersteuerte Mikrophone. Der namhafte Gast Annette Dasch profitiert davon keineswegs, im Gegenteil, bekannte vokale Defizite werden gnadenlos vorgeführt.

Dass es hier auch um Musik gehen könnte, ist indes allseits kein Thema. Ich las sogar Kritiken, in denen der Dirigent Kai Tietje, der sich das Malheur als Bearbeiter selbst eingewirtschaftet hat, gar nicht erwähnt wurde. Szenisch nimmt sich die Chose aus, als wäre Böhmermann ins "Dschungelcamp" verpflichtet worden. Programmatisch wird für die Flügelschläge des Genies, von denen Millöcker ein, zwei Arien lang gestreift wurde, der Kammerjäger bemüht. Um die gebührende Distanzierung herzustellen, wird etwa Annette Dasch im Verlauf einer heiklen Passage, die aller vokalen Umsicht bedürfte, deutlich vergewaltigt. Harald Schmidts Selbstparodie wäre originell, sprengt aber die Rechte eines Dritte-Akt-Komikers um eine gute halbe Stunde.

Um nun aber nicht in Zorn das Thema zu wechseln: Direktorin Lotte de Beer hat eine Ewigkeit Zeit, der Operette Gutes zu tun. Für diese Saison ist Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" angekündigt, eine der inspiriertesten, politischesten, raffiniertesten, in aller Ironie betörendsten Travestien der Genre-Geschichte. Man gehe mit dem Geniewerk seiner Größe entsprechend um: so radikal wie behutsam. Der Hades liegt nicht unter dem Ballermann.

Und jetzt kommt das Gute: Sollten Sie am 13. September abends nichts wesentlich Überzeugenderes zu tun haben, schauen Sie doch bitte in Grafenegg vorbei (Oeticket hat die Karten). Dort werden in einem musikalisch reich unterfütterten Festakt die Österreichischen Musiktheaterpreise vergeben. Wie ich dort an die Spitze der (bitteschön: undotierten) Jury gelangen konnte, ist mir selbst ein Rätsel, ich war es plötzlich, weil ich als Gast in eine Sitzung geweht wurde. Beim Musiktheaterpreis geht es ohne Etikettenschwindel um Musik. Die epochale Sopranistin Gundula Janowitz, die mir eine Stehplatzkindheit aus reinem Gold geschenkt hat, wird dort für ihr Lebenswerk geehrt, den nämlichen Preis nimmt für den schwer erkrankten Seiji Ozawa seine Tochter entgegen. Der Staatsoper und dem Sender ORF III, die eine dunkle pandemische Ewigkeit lang nicht resigniert haben, wird Respekt bezeugt. Und die Nominierten! Die Sieger werden erst vor Ort bekanntgegeben, aber wenn Sie sich beim Internet-Auftritt des Preises über die Vorauswahl kundig machen wollen, werden Sie dort Ludovic Tezier, Anna Netrebko, George Zeppenfeld, Andrea Breth, Romeo Castellucci, Teodor Currentzis, Philippe Jordan und den besten Jungen, unter ihnen Vera-Lotte Boecker, begegnen. Und wenn einer von ihnen nicht gerade in Adelaide unabkömmlich ist: Die Sieger werden fast alle anwesend sein. In dieser Konzentration bekommen Sie das nicht alle Tage.

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