Spitzentöne von

Neue Kraft für das Opernhaus

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Die Entscheidung über das Theater an der Wien ist nahe: Wird es der Norweger Stefan Herheim?

Vor Weihnachten noch – also betont „zeitnah“, um eine der hässlicheren Wortschöpfungen in Gebrauch zu nehmen – soll bekannt gegeben werden, wer die Vereinigten Bühnen Wien ab Herbst 2020 leiten wird. Bei den Musical-Instituten Raimundtheater und Ronacher wäre Änderungsbedarf angesagt: Das dort Gezeigte kann an Inspiration und Originalität mühelos mit den Angeboten der Stadthallen von Oberursel oder Neustadt am Kulm wetteifern. Dass hingegen Roland Geyer, der das Opernhaus im Theater an der Wien auf internationalem Niveau positioniert hat, per Ausschreibung zur Diskussion gestellt wurde, hat viele erstaunt.

Wenn nun qualifizierte Gerüchte nicht trügen, wird demnächst das Widersinnige bekannt gegeben: Der Musical-Intendant Christian Struppeck bleibt, und Geyer bekommt einen Nachfolger. Allfälliges Scheitern im letzten Moment vorbehalten, folgt ihm aber ein hoch interessanter Mann: Der Norweger Stefan Herheim, 47, hat zwar keine Führungserfahrung vorzuweisen, ist aber einer der musiksinnigsten und originellsten Opernregisseure unserer Zeit. Seine „Meistersinger“ waren eines der Atouts, mit denen Alexander Pereira in Salzburg reüssieren konnte. Herheim inszenierte in London, Brüssel und Dresden, zuletzt in Hamburg und Amsterdam, bewährte sich am heiklen Bayreuther „Parsifal“, stellte mit Bravour „Hoffmanns Erzählungen“ auf die Bregenzer Seebühne, wird von der Komischen Oper Berlin und dem Glyndebourne Festival angekündigt. Dass seine Inszenierungen bei aller Radikalität meist überzeugend geraten, hat mit seiner Ausbildung als Cellist zu tun: Profis inszenieren die Partitur, Dilettanten hangeln sich am oft bedeutungslosen Libretto entlang und bedienen dabei den eigenen Geltungsdrang.

© APA/BARBARA GINDL Stefan Herheim, 47, könnte das Theater an der Wien ab 2020 leiten

Dem Wiener Opernhaus – fraglos dem interessantesten, international wahrgenommensten am Platz – stünde mit Herheims Kommen ein Paradigmenwechsel bevor: Geyer hat als Intendant die überraschendsten Konstellationen hergestellt. Herheim würde dem Haus wohl seinen eigenen Stil aufprägen.

Dass Struppeck im Amt bleibt – einer albernen Forderung des grünen Koalitionspartners folgend, wären die Opern- und die Musical-Sparte beinahe in einer Hand vereinigt worden! –, soll damit zu tun haben, dass für die Vereinigten Bühnen auch Finanzstadträtin Brauner zuständig ist. Kulturstadtrat Mailath-Pokorny hingegen würde mit dem Engagement Herheims einen Erfolg einfahren (freilich nur, wenn man von der grundsätzlich sinnlosen Ablöse Geyers absieht).

Er könnte den Zuspruch gebrauchen, denn die Wiener Kulturpolitik pflegte zuletzt einen mühelos übertrefflichen Lauf: Die Festwochen wurden vom neu bestellten Intendanten Tomas Zierhofer-Kin binnen Jahresfrist in den Abgrund gefahren. Dass Zierhofer, um sich zu retten, die von ihm selbst bestellten Dramaturgen geopfert hat, markiert den Tiefpunkt dieser Entwicklung (die andererseits zur Folge hat, dass der von den Festwochen als Koproduzent abgemeldete Musikverein nun ein Gegenfestival der Weltklasse ausrichtet). Das Volkstheater ringt im dritten Jahr der Intendanz Anna Badoras nach wie vor um Publikum für das sperrige Programm. Die Erweiterung des Wien Museums neben der Karlskirche rückt aus budgetären Gründen in die Ferne. Dafür wird das benachbarte Gebäude der Winterthur-Versicherung aufgestockt. Statt abgerissen, was diesseits von Kasachstan längst eine denkmalschützerische Selbstverständlichkeit hätte sein müssen.