Spitzentöne von

Neue Konzepte
für das Volkstheater

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Die Findungskommission für das marode Volkstheater arbeitet wieder, im Juni wird bekannt gegeben. Hier können Sie Konzepte nachlesen, die nicht jeder kennt

Der thrombotische Pfropfen, der das marode Volkstheater zuletzt an den Rand der palliativen Notmaßnahme befördert hat, dürfte sich aufgelöst haben: Schon im März sollte die neue Direktion ab 2020/21 bekannt gegeben werden. Doch die Findungskommission stellte ihre Aktivitäten wegen der Unterdotierung des Hauses ein. Drei Millionen mehr wurden moniert, nun werden es zwei von der Stadt. Neun Bewerber waren in die engere Wahl gelangt, ab sofort werden abschließende Gespräche geführt. An den finalen Dreiervorschlag wird sich Stadträtin Kaup-Hasler halten. Mitte Juni sollte man zum Resultat gelangt sein. Die neue Führung tritt im Jänner 2021 an, vorher wird die Immobilie saniert. Kurioserweise ist just die Person, die durch ihr Zögern die verbesserten Verhältnisse angestoßen hat, aus dem Bewerb: Um die deutsche Theaterfachfrau Rita Thiele war lang geworben worden.

Nun ließ Kommissionsmitglied Karin Bergmann via News wissen, man suche Personen mit österreichischer Identität, keine Konkurrenz zur deutschen Bundesliga. Die Stadträtin ließ durchblicken, sie favorisiere eine Frau -ein untaugliches Qualifikationsmerkmal. Deshalb stelle ich einige Konzepte zur Diskussion, alle aus dem Kreis der neun Verbliebenen - von Männern wie von Frauen. Die Burgtheater-Größe Maria Happel gab via News bekannt, unter Totaleinsatz der eigenen, publikumsmagnetischen Person ensemblezentriertes Theater ohne Eskapaden, dafür mit erstklassigen Schauspielern zu beabsichtigen. Das ist grundvernünftig und deckt sich mit anderen grundvernünftigen Konzepten. Der Schauspieler Gregor Bloéb und der Regisseur Georg Schmiedleitner verweigern zwar jeden Kommentar. Doch was sie wollen, gleicht anderen vernünftigen Konzepten: gerades, namhaft schauspielerzentriertes Volkstheater von Nestroy und dem sozialen Realisten Ludwig Anzengruber bis David Mamet (" Oleanna"). Banalpädagogik, die das Haus ins Unglück befördert hat, sei zu vermeiden. Addiert man übrigens die Zuschauerzahlen der vergangenen vier Produktionen an Burg und Josefstadt, an denen Bloéb mitgewirkt hat, kommt man auf 90.000 -mehr als zwei Drittel des Jahreszulaufs ans Volkstheater.

Faszinierend auch, was Christoph Nix, Jahrgang 1954, Intendant in Konstanz mit starker Österreich-Bindung, anbietet: Auch er nennt explizit Nestroy und Anzengruber ("Der Faustschlag"), will aber für sein "kritisches Volkstheater", das "ohne Gefühle nicht zu machen" sei, über Brecht, Horváth und Zuckmayer bis Tabori, Jelinek, Menasse, Turrini ("Die Minderleister", "Zero, Zero") und Theresia Walser vordringen. Schauspieler wie Johanna Wokalek, Eva Mattes, Ben Becker oder Christiane von Poelnitz seien, auch als Gäste, anzusprechen. Bemerkenswert: Das Ensemble soll ausgebaut, die stillgelegten Werkstätten sollen reaktiviert und zum Servicezentrum werden. Kein Wunder, dass Nix vom Betriebsrat favorisiert wird. Nebst Regisseuren wie Ariane Mnouchkine, Nikolaus Habjan, Johanna Wehner, Nora Schlocker, Susanne Lietzow und Anna Maria Krassnigg sollen auch Könner aus der freien Szene eingebunden werden.

Leicht könnte es auch die Oberösterreicherin Irene Girkinger, derzeit Bozen, in einer Doppeldirektion mit Thomas Gratzer (Rabenhof) werden. Gratzer war, wie in News nachzulesen, verbindlich für die niedergefahrene Außenbezirke-Schiene des Hauses vorgesehen. Nun soll er der eher defensiven, in Wien unverankerten Girkinger als starker Partner zur Verfügung stehen. Girkinger vertritt das von der Stadträtin favorisierte Koproduktionsmodell mit weniger Premieren und verkleinertem Ensemble. Dass schließlich der angesagte Regisseur Ersan Mondtag die Probleme von Berlin-Neukölln ans Haus importieren könnte: Das scheint eher auszuschließen.

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