Spitzentöne von

Die Mordgeschichte
Peter Handke

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Das Gekeife um Handke hat sich zur Ruhe gelegt. Aber wie lang? Deshalb spendiere ich meinen Platz heute dem Autor Daniel Wisser, der den Dilettanten als Fachmann etwas zu sagen hat

Fürs Erste beginnt das Gekeife um Peter Handke zu verenden, doch das kann sich ändern. Zuletzt hatten Literaturdilettanten noch versucht, ihn ausbürgern zu lassen, weil er vor Jahrzehnten das sonst unzugängliche Kriegsgebiet mit einem jugoslawischen Pass bereist hat. Unter persönlichen Risiken, während andere ihre Diagnosen vom orthopädisch zertifizierten Bürostuhl aus stellten. Ausgebürgerte österreichische Nobelpreisträger (meist amerikanischer Nationalität) gibt es allerdings schon genug. Und ich stelle meinen Platz heute dem Autor Daniel Wisser zur Verfügung. Der erste Träger des Österreichischen Buchpreises stellt die Schreihälse zur Rede:

Die Mordgeschichte beginnt, wie alle Geschichten, als Fortsetzung einer anderen Geschichte. So beginnt Peter Handkes Roman "Der Hausierer". Die Debatte über Handke, die bisher für seine verbissenen Gegner zu wenig Ächtung des Autors hervorbrachte, wird fortgesetzt und täglich um etliche Artikel reicher. An Artikeln reicher, an Niveau ärmer. Die Mordgeschichte beginnt nicht mit Debatten über Literatur oder Politik, sondern damit, dass jedes Mittel recht ist, um die Person Handke zu diskreditieren. Nun wird in Akten gekramt, Behörden werden angerufen, Staats-, Vereins-und Kirchenzugehörigkeiten werden auf ihre bürokratische Richtigkeit geprüft.

Diese Mordgeschichte ist eine Geschichte des Rufmords. Ein Biografen und Wissenschaftlern längst bekannter jugoslawischer Pass wurde plötzlich entdeckt. Sei damit eine Staatsbürgerschaft verbunden, hätte Handke ein Ansuchen stellen müssen, um die österreichische Staatsbürgerschaft zu behalten. Handke sei also möglicherweise kein Österreicher mehr, und die Behörde solle mit aller Härte gegen ihn vorgehen. (Nein, das ist nicht von Herbert Kickl!) Eine Verwaltungsübertretung vor zwanzig Jahren als Ergebnis der Debatte über einen Literaturnobelpreisträger -das wäre, wenn für Handkes Gegner alles gut geht, die Trophäe, die sie sich an die Wand ihrer Rechtschaffenheit nageln könnten. Mit ihren Artikeln entfesseln sie die Schar der Trolle im Netz, die weder politische oder literarische Interessen hat noch die laufende Debatte kennt. Alles ist auf die Frage reduziert: Für oder gegen Handke? Und für sie gibt es nur eine richtige Antwort.

Um an diesem Punkt der Auseinandersetzung ein Warnschild aufzustellen, habe ich mich entschlossen, mit der IG Autorinnen Autoren und mehreren Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief zu schreiben, der zum Ausdruck bringt, dass hier eine Grenze überschritten wird. Unsere Erklärung richtet sich nicht gegen literarische und politische Debatten. Sie richtet sich gegen persönliche Angriffe um jeden Preis. Unsere Erklärung hätten wir für jede Autorin und jeden Autor abgegeben. Was wir fordern, ist Anstand und Verhältnismäßigkeit. Seit Freitag wurde unser offener Brief von Hunderten Autorinnen und Autoren unterschrieben. Bis 10. Dezember werden wir sehr viele sein.

Das Bittere ist, dass Handkes Ruf in jedem Fall ruiniert ist. Viele lesen seine Texte nicht, weil sie gehört haben, dass es sich nicht schicke. Diese Texte sind übrigens die Grundlage dafür, dass ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Worin die Untat besteht, für die er verurteilt wurde, weiß niemand. Was das Ziel der Angriffe ist, ist unklar: Ausbürgerung, Aberkennung des Nobelpreises oder die Selbstbestätigung der Tollwütig-Rechtschaffenen? Die selbsternannten Richter und ihre Trolle werden bald weiterziehen und sich dem nächsten Opfer zuwenden. Handke wird geschädigt zurückbleiben. Um ihm das letzte Wort zu geben: Der Mord, kaum geklärt, ist schon so lange her, dass er gar nicht mehr wahr ist. Die Kinder spielen schon den Mord.

Daniel Wisser

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at

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