Spitzentöne von

Mitterer, ein Kind von 70 Jahren

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Unter den Riesen, die den Siebziger schon hinter sich haben, ist er der Benjamin: Felix Mitterer war immer schon der Zarte und Verletzliche innerhalb der österreichischen Schriftstellergeneration um Handke, Jelinek oder Turrini. Jetzt hat es auch das ewige Kind ereilt, und ich gratuliere ihm und uns zu seiner Existenz. Was war das für ein Aufsehen, als er 1977 mit dem Volksstück "Kein Platz für Idioten" debütierte! Und was für ein Stück das war: ein böses, radikales aus dem Geist Brechts, Horváths und Turrinis, und doch ein auton0mes Kunstwerk von großer Verstörungskraft. Die Geschichte eines Behinderten, der den Ausgrenzungsmechanismen des Dorfs ausgesetzt ist, könnte über Umwege im Biografischen wurzeln: Mitterer, Sohn einer Tiroler Landarbeiterin und eines rumänischen Flüchtlings, war gleich nach der Geburt adoptiert worden. Glücklicherweise beließ er es nicht bei der Selbstbeweinung: Seine Stücke über die Infamie im Umgang mit den Schwachen treffen ebenso ins Schwarze der österreichischen Seele wie seine "Tatort"-Folgen oder die "Piefke-Saga". Sein Kinderbuch von der "Superhenne Hanna" ist gymnasialer Unterstufenlehrstoff. Und kürzlich ließ gar ein FPÖ-Funktionär im Zusammenhang mit dem niederösterreichischen Nazi-Gegröle wissen, in seiner Partei sei "kein Platz für Idioten". Das mag eine Art Unsterblichkeit sein, wenn auch nicht die Art, die sich Mitterer erhofft haben dürfte.

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