Spitzentöne von

Literarische Minderheiten

Heinz Sichrovsky © Bild: News

Dass dieses Ressort Sie vor einigen Wochen über urlaubskompatible Neuerscheinungen informiert hat, war eine lieb gewordene Selbstverständlichkeit. Aber, und ich bitte die vielen tüchtigen, die wenigen großen und die verschwindend wenigen genialen unter den aktiven Autoren um Verzeihung: Wie viele Titel wurden in den etwa 560 Jahren seit Gutenbergs Innovation gedruckt? Millionen, von Millionen Autoren. Wie viele dieser Autoren aber sind heute auch nur als Namen geläufig? Wie viele verschwinden allein von Auflage zu Auflage aus ein und derselben Literaturgeschichte? Von welchem Nobelpreisträger seit Sully Prudhomme (wer?) anno 1901 haben Sie etwas gelesen?

Vor 50 Jahren war die absolute Mehrheit männlicher deutschsprachiger Minderjähriger über zehn Jahre Karl May verfallen, und die darüber griffen in Millionenstärke zu Spoerl und Simmel. Heute sind alle drei auf dem Weg ins Vergessen. Mit anderen Worten sieht es für viele, die zu Recht oder zu Unrecht gefeiert werden, hinsichtlich der Unsterblichkeit finster aus.

Und immer dringlicher fühle ich die Verpflichtung, die winzige Minderheit, die dem Selektionsprozess der Literaturgeschichte entkommen ist, nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen. Deshalb werde ich, wenn bei Erscheinen dieser Kolumne mein kurzer Urlaub endet, die beiden Teile des Goethe’-schen „Wilhelm Meister“ wieder gelesen haben. Außerdem werde ich überprüft haben, ob der vergessene Emigrantenroman „Heldenplatz“ des Österreichers Ernst Lothar so aufregend weitergeht, wie er beginnt. Blicken auch Sie couragiert zurück: Ein paar Millionen Entdeckungen erwarten Sie.

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