Spitzentöne von

In Geiselhaft bei der
Betroffenheits-Schalek

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Halten Sie sich nicht mit dem endlosen Feuilletongekeife um Handke auf. Gehen Sie lieber ins Theater franzjosefskai21. Oder zum großartigen "Don Karlos" in die Burg.

Gern hätte ich mit Ihnen in ruhiger Vorfreude den 10. Dezember erwartet: Ich werde da für ORF III in einer interessanten Runde die Nobelpreisverleihung an Peter Handke kommentieren. Nun fehlt es zwar nicht an der Vorfreude, aber entschieden an der Ruhe. Im Gegenteil hat sich um das anhaltende Feuilletongekeife sogar ein bisher unbekannter Berufszweig etabliert: die Betroffenheits-Schalek nämlich, auch Schalek 4.0 genannt. Es handelt sich dabei um amtierernde Balkan-Korrespondenten beiderlei Geschlechts, die uns dafür büßen lassen, dass uns die Gnade ihrer späten Geburt zuteil wurde: dass es uns also erspart blieb, sie während des Jugoslawien-Kriegs in Feldgrau zu erleben wie das durch Karl Kraus der Unsterblichkeit überantwortete Weltkriegs-Groupie Alice Schalek. Das ist nicht der einzige Unterschied: Das frontberichterstattende Original hat brünftig gehetzt, die Betroffenheits-Schalek hingegen doziert mit strenger Selbstergriffenheit und belehrt uns dabei über alles, was nichts zur Sache eines Literaturpreises tut. Neulich hat eine gar enthüllt, dass Handke 1996 im Gespräch mit einem bosnisch-herzegowinischen General nicht angemessen beeindruckt geschaut hat. Auch deshalb habe ich mir gestattet, mich für unser Online-Portal news.at einer einmischungsbefugten Stimme zu versichern, ehe die Debatte vollends vom Schwachsinn überrollt wird. Elfriede Jelineks Antwort erreichte viele Medien, ich will sie Ihnen nicht vorenthalten und hoffe damit auf ein Schlusswort.

"Ich würde sagen, daß mir, als ich den Preis bekommen hatte, Mitglieder der Akademie erklärt haben, daß der Preis für nichts andres als die literarische Qualität der jeweiligen Arbeit vergeben wird. Für nichts sonst. Daran halte ich mich (und hält sich die Akademie hoffentlich derzeit immer noch). Der große Dichter Handke hat den Nobelpreis zehnmal verdient. Man müßte sonst einem antisemitischen Ungeheuer wie Céline jeden literarischen Rang absprechen, und er ist doch zweifellos einer der Bedeutendsten. Die Beispiele sind ja bekannt: Hamsun, Ezra Pound (es gibt heute sogar eine neofaschistische Bewegung, die Casa Pound, samt dazugehörigem Haus). Pounds Werk könnte man dafür doch vielleicht in den Käfig sperren? Das wär doch mal was. Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler als einzige in die andre, das ist nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, auch wenn ihnen dabei noch so viele entgegenkommen, die keineswegs entgegenkommend zu ihnen sind. Das muß man dann halt aushalten. - Elfriede Jelinek."

Zur Erholung würde ich Ihnen gern von zwei wunderbaren Theatervorstellungen erzählen, die ich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden sehen durfte. Die eine fand vor krachend überbuchten Reihen - also vor 50 Personen -im Theater "franzjosefskai21" statt: Alexander Waechter, der die winzige Bühne allein betreibt, spricht dort drei Monologe, die Elfriede Jelinek ihrem in Umnachtung verdämmerten Vater zugedacht hat. Zwei Stunden Schauspiekunst und pures Wort für ein nicht mehr blutjunges Publikum, das Waechter eben erst beim Karautfleckerlkochen mit begleitendem Tante-Jolesch-Text bejubelt hat. Das aber loyal, klug und mutig genug ist, sich von einer halsbrecherischen Wortspirale in die andere zu stürzen: Waechter hat soeben um 15 Vorstellungen verlängert. Tags darauf sah ich am Burgtheater Schillers "Don Karlos" in der atemberaubenden, nach dem nämlichen Prinzip gearbeiteten Inszenierung Martin Kušejs: Aus tiefer Schwärze werden großartige Schauspieler in den Fokus geleuchtet. Fast fünf Stunden lang hilft ihnen nichts als ihre Kunst und Schillers Sprache -ein Abenteuer sondergleichen zu Zeiten dröger Video-Allotria. PS.: Den entgeisterten Hintergrundmurmlern im Publikum könnte ein Selbsterfahrungsworkshop per Adresse franzjosefskai21 Erleichterung verschaffen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at

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