Immer sollst du die Meisterwerke befragen!

Eine orchestral und szenisch herausragende "Lohengrin"-Produktion der Salzburger Osterfestspiele zog wieder den Blök-Reflex gegen die Regie nach sich. Deshalb ein paar grundlegende Anmerkungen. Auch zur Zukunft

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Würden Sie sich eventuell beim schroffen Einstieg in die Unwegsamkeiten der Opernregie meiner Begleitung anvertrauen? Anlass ist die orchestral und szenisch herausragende "Lohengrin"-Premiere der Salzburger Osterfestspiele, der ich am Samstag beiwohnen durfte. Die Blök-Orkane wider die regiezuständigen Damen und Herren Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock fanden nämlich auch das Verständnis mehrerer meiner Kollegen. Und der Unmut richtete sich vorzüglich gegen den Schuldspruch über Elsa von Brabant: Ihr werde seitens der Regie unterstellt, sie habe ihren Bruder tatsächlich im Weiher ertränkt, womit das Ehepaar Telramund vom Vorwurf der Verleumdung entlastet sei. Dies aber entspreche nicht den Intentionen der Partitur.

Abgesehen davon, dass die Schuldfrage schon von Harry Kupfer aufgeworfen wurde, konnte ich in der Regiearbeit auch kein eindeutiges Urteil über Elsa ausnehmen. Vielmehr sah man im Vorspiel einen offenbar verstörten jungen Mann, der sich über eine Art Gully beugt, eine schwarze Perücke hervorholt und im allerletzten Augenblick davon Abstand nimmt, sie sich aufzusetzen. Statt dessen verwandelt sich der Verstörte in das kindhaft entrückte Prinzesschen Elsa. Beweise für einen Mord erkenne ich hier nicht. Vielmehr lassen sich die Ereignisse während des Vorspiels auch als Akt der Abspaltung interpretieren: Eine junge Frau, traumatisiert durch das Verschwinden des Bruders, gepeinigt von der Schuld, ihn nicht genügend beschützt zu haben, halb in den Selbstmord getrieben von verstreuten Gerüchten, hat ihre Qualen auf zwei Identitäten verteilt (das Krankheitsbild wird oft mit Schizophrenie verwechselt). Ehe sie sich für die schwarze Perücke entscheiden kann - ein stärkeres Bild für den Suizid habe ich lang nicht gesehen -, schiebt sich das zweite Ich beschützend vor den finalen Entschluss. Und damit stimmt auch hinsichtlich der Partitur wieder alles.

Genialerweise sind die Ereignisse in das waffenstarre, todgeweihte Preußen vor dem Ersten Weltkrieg verlegt, aber später mengen sich auch die damals ausgelösten, noch verheerenderen Entwicklungen ins Geschehen. In dieser Situation ergreift ein Scharlatan, ein lässiger, hundestreichelnder Superman-Imitator, die Gelegenheit, und das Volk wedelt unverzüglich mit Fähnchen. Man ahnt gleich, dass diese personifizierte Massenhysterie nichts Gutes nach sich zieht. An Lohengrins statt kriecht am Ende sein Avatar aus dem Gully und wird mit den kriegerischen Hinterlassenschaften des Abgereisten behängt. Eine verheerende Prognose, aber Elsa, wieder allein, weist die schwarze Perücke ein zweites Mal von sich.

Das Schönste aber ist, dass man die von Wieler und Kollegen verrichtete Arbeit auch ganz anders deuten kann. Der Gully kann ebenso Tatort wie Symbol des Unterbewussten sein, und mit der schwarzen Perücke kann sich Elsa während der Tat unkenntlich gemacht haben. Denn große Opernregie hat nichts mit Mythenbanalisierung ins ATV-Format zu tun (wir mussten letztens in Simon Stones Deutung Wozzeck zum Würstelstand begleiten): Anders als von Lohengrin gefordert, soll man vielmehr die Meisterwerke wieder und wieder befragen und darf sich mit den empfangenen Antworten gern schwertun. Das wollte ich mit diesen überlangen Einlassungen eigentlich zu verstehen geben.

Die Besetzung kann in diesem Zusammenhang nur pauschal als gesanglich ordentlich, aber gestalterisch hervorragend qualifiziert werden. Christian Thielemann und die Dresdner allerdings rufen das Erträumbare an impressionistischer Feinabmischung und archaischer Wuchtentfaltung auf. Sie werden auf Wunsch des neuen Oster-Intendanten Bachler nun jährlich durch ein anderes Orchester und seinen Chef ersetzt. Thielemann mit dieser Inszenierung bald an der Staatsoper zu haben, ist somit ein noch größeres Geschenk.

Hingegen fragt sich, welchen Weg Bachlers Konzept nehmen soll. Nächstes Jahr kommt das Leipziger Gewandhausorchester mit Andris Nelsons für "Tannhäuser", eine Kategorie unter dem jetzt Aufgegebenen, aber in Ordnung. Es folgt dann schon das wackere römische Opernorchester, nicht etwa unter Muti, aber immerhin unter Pappano.

Und dann? Wo sind die opernmächtigen Spitzenklangkörper? Die Berliner, die unter Petrenko das Genre wieder erlernt haben, sind zu Ostern in Baden-Baden unabkömmlich. Mit den Wienern hat sich Bachler dauerhaft überworfen. Das Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, derzeit ohne Musikchef, spielt in der Tat Opern, ebenso einmal im Jahr das Cleveland Orchestra unter Welser-Möst, wobei hier der finanzielle und logistische Aufwand enorm und nur in Verbindung mit einer Tournee zu bewältigen wäre. Das Mariinski-Orchester unter Gergiev dürfte mittelfristig unverfügbar sein. Ja, Music-Aeterna unter Currentzis, die müsste man sich mit Verve, Courage und Phantasie holen. Denn sonst zieht es am Ende noch Richtung Ischl und Baden (bei Wien, nicht -Baden).

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