Ich weiß nicht, was ich vom Nestroy halten soll

Die Besten einer Saison zu ermittelt, ist eine harte Aufgabe. Wie der diesjährige Nestroy-Preis beweist

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Im Frühjahr 2001 muss das gewesen sein, als ich morgens nach acht erschöpft dem Flugzeug aus Köln/ Bonn entstieg und gleich in die Arbeit weiterfuhr. Der Tag hatte schon um vier im aeronautisch unerschlossenen Bochum begonnen, wohin ich zu einer Reprise der Botho-Strauß-Uraufführung "Pancomedia" gereist war. Intendant Matthias Hartmann, der sich damals mit Anlass für Größeres in Evidenz hielt, hatte glänzend inszeniert. Den Nestroy-Preis, zu dessen Bestem ich den Ruhrpott durchquert hatte, bekam er trotzdem nicht (Peter Zadek mit "Rosmersholm" war noch besser). Aber nicht deshalb, sondern schon zuvor auf dem morgendlichen Schwechater Flughafen habe ich dauerhaften Rückzug aus der Nestroy-Jury beschlossen. Wie, so dachte ich, könnte ich mir die Gesamtschau über das deutschsprachige Theatergeschehen anmaßen? Wo ich doch kaum in der Lage war, ein Landestheater oder eine Mittelbühne zu besuchen, von der hundertstimmigen Gegenwelt der freien Gruppen nicht zu reden.

Damals, so ist hinzuzufügen, kreuzte noch der eine oder andere Großkritiker als schwerbestückte Fregatte durch die theatralen Ozeane. Der hatte den Überblick. Heute sind wir Kulturjournalisten längst ins Orchideenformat gespart. Und um den Anforderungen einer Theaterjury zu genügen, müsste man über ein evtl. auch unerbetenes Maß an Tagesfreizeit verfügen.

Der Nestroy-Preis ist also wieder an seine Empfänger gelangt, wobei es um das Ereignis schon besser bestellt war. Speziell der Publikumspreis, der über eine freie digitale Abstimmung vergeben wird, drängt sich da als Indikator auf. Nominiert waren Kapazunder wie Nicole Heesters, Valerie Pachner, Felix Kammerer und Robert Meyer. Gewonnen hat Nick Romeo Reimann, der mir im tüchtigen, leider an den Besuchermangel verschwendeten Volkstheater-Ensemble nicht weiter aufgefallen wäre. Wenn nun ein Theater ohne Publikum für einen Unbekannten einen Publikumspreis lukriert, was schließen wir daraus? Dass der Triumph mit der Verwandtschaft des Laureaten bzw. der Unternehmensbelegschaft zu teilen wäre? Auch. Aber ebenso, dass sich das Interesse der Theaterfreunde am Nestroy insgesamt in Grenzen hält.

Nun ist es angesichts der vielen ausgelobten Kategorien nicht einfach, die Resultate zu überprüfen. Die von der neuen Direktion leider nicht weiterbeschäftigte Burgschauspielerin Lili Winderlich hätte ich mir als beachtenswertesten Nachwuchs gut vorstellen können. Aber die anderen kenne ich nicht. Auch nicht den Preisträger Tommy Fischnaller-Wachtler, laut APA ausgezeichnet "für seine bemerkenswerte Leistung als kokette, ihrem männlichen Umfeld weit überlegene Effi Briest". Nicht, dass Sie mich missverstehen: Ich hätte der nominierten, aber nicht prämiierten Valery Tscheplanowa den Hauptrollenpreis für ihren atemberaubenden Salzburger "Nathan" gern gegönnt.

Aber ob im Fall des Laureaten nicht womöglich doch das diversitätspolitische Pflichtgefühl mitgestimmt hat? Den Verdacht verstärkt die neue Kategorie "Beste*r Nachwuchs Autor*in, Bühne, Kostüm, Musik", diesmal nicht mehr nach Geschlechtern geteilt, hinmit das Spargebot mit den Erfordernissen der gender equality verbindend. Ausgezeichnet wurde nämlich "die/der 1998 in Zürich geborene nonbinäre Autor/in Selma Kay Matter für ihr/sein Klimastück 'Grelle Tage'". Nonbinäre/r Autor/in mit Klima-Stück! Da konnten die Mitbewerber nur die Rücklichter begutachten. Und ohne das Werk zu kennen, ihm daher auch keinerlei Qualität absprechend, gebe ich zu bedenken: Ein Stück Literatur unter derartigen Würgungen beim Namen nennen zu müssen, tut der Sprache keinen Gefallen.

Ansonsten? Vier Voten kann man sich umstandslos anschließen: dem Lebenswerkpreis für Emmy Werner v0r allem, die das Volkstheater mit heißem Herzen erneuert hat. Dem Nebenrollenpreis für Dorothee Hartinger. Keiner Diskussion bedürftig ist auch der Protagonistenpreis für Michael Maertens: meines Erachtens keine Spitze gegen die Salzburger Festspiele, eher ein Zeugnis der Verwüstung, die der scheidende Kusej im Burgtheater-Ensemble angerichtet hat. Wenn im Herbst Joachim Meyerhoff und Jens Harzer zurückkommen, kann sich Maertens wieder augenhohen Mitnominierten stellen.

Der vierte Treffer galt Elfriede Jelineks kühner autobiografischer Skizze "Angabe der Person" in der Hamburger Uraufführungsinszenierung von Jossi Wieler. Weltliteratur, von einem Weltregisseur in ein Weltereignis verwandelt. Nichts sonst.

Und Saioa Alvarez Ruiz, für Florentina Holzingers "Ophelia's Got Talent" als Protagonistin des Jahres ausgezeichnet? Noch dazu aus der einzigen höchstbesetzten Kandidatenliste des Abends mit Valery Tscheplanowa, Birgit Minichmayr und Katharina Lorenz? Die behinderte Performerin sei hier vorgeführt worden, hört man mancherorts. Ich glaube das nicht und verweise auf den unsterblichen George Tabori, der den schwerstbehinderten Schauspieler Peter Radtke in ein gequältes Kind verwandelt und in die Theatergeschichte entrückt hat. Ein ganzes Leben ist das her. Wenn man weiß, wie es geht, gibt es nichts, was nicht geht.

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