Spitzentöne von

Ein Herbst der Bildung
und der Kunst?

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Selbst die bedenkliche Regierungskonstellation hatte ihre guten Seiten. Weshalb wir Heinz Faßmann und Gernot Blümel eventuell noch nachweinen werden

Dass ich der Regierungskonstellation Kurz I mit irgendeiner Art von Begehrlichkeit entgegengefiebert hätte, wird mir keiner unterstellen wollen. Aber zumindest hinsichtlich der Bildungspolitik war ich nach der Wahl vorsichtig guten Mutes. Zwar blieb mein Wunsch nach dem Avancement des humanistisch gebildeten Universalgelehrten Rudolf Taschner unerfüllt. Doch erkannte Minister Faßmann zumindest Handlungsbedarf im Bereich der Mathematik-Zentralmatura. Ob nicht minder drängende Vorkehrungen auch für das Fach Deutsch ins Auge gefasst wurden, erfahren wir vermutlich nie.

Heuer seien in diesem Bereich zumindest keine karikaturhaften Vorgänge zu verzeichnen, bilanzierte mit milder Resignation die von Gerhard Ruiss repräsentierte Autorenvereinigung. Kein unausgewiesener Textfetzen eines Nazi-Autors war diesmal auf seine Relevanz in Umweltfragen zu untersuchen. Aber das Schwachsinnsprinzip der Textsortenbeherrschung, das den Literaturunterricht de facto liquidiert hat, blieb unbeeinsprucht: Wer schon in der Unterstufe zum geistigen Kickboxer in den Disziplinen "offener Brief" und "Meinungsrede" geschliffen wird, dem bleiben für "Faust" oder "Wunschloses Unglück" keine Ressourcen. Weshalb ich das erörtere, während sich die Welt dankbar in die Sommerferien verabschiedet? Weil mir vor dem Herbst graut, und hier im Speziellen vor sich eventuell anbahnenden Regierungskonstellationen: Schwarz-Pink-Grün ist nach der Abfackelung aller anderen Gesprächsgrundlagen die allseits gewünschte Alternative. Nun sind erfahrungsgemäß die Bereiche "Bildung" und "Kultur" Verhandlungsmasse, wenn man die Vordringlichkeiten des Lebens -Kohle, Auto, Militär -nicht aus der Hand geben will. Verschärfenderweise besteht seitens der Grünen sogar explizite Begehrlichkeit nach Orchideenressorts. Also entsetze ich mich als Ressort-Autist zunächst über einen möglichen grünen Kunstminister. Nach der sich anbahnenden Fusion mit den Rudimenten der Liste Jetzt wäre das womöglich deren Klubobmann, der frühere grüne Kultursprecher Zinggl. Selbst ein betont unauffälliger bildender Künstler, verkörpert er exemplarisch die grüne Verteufelung der Eliten, die allerdings die einzig taugliche Personalreserve aller Kunstausübung sind. Denn Kunst ist weder demokratisch noch korrekt, sondern Höchstbegabten vorbehalten. Als Zinggl die erfolgreichen Museumsdirektoren Agnes Husslein (Belvedere) und Gerald Matt (Kunsthalle) mit zum Teil gerichtlich geahndeten Anschuldigungen aus dem Amt terrorisiert hat: Da wurde beiden Instituten schwerer Schaden zugefügt, der Kunsthalle sogar existenzbedrohender. Den von Zinggl besonders bekämpften, erstklassigen Albertina-Direktor Schröder wenigstens hat Gernot Blümel soeben im Amt bestätigt.

Und die Bildungspolitik? Vergessen wir nicht, dass die Zentralmatura nebst anderem Wahnwitz dem Amtsverständnis der Sozialdemokratinnen Claudia Schmied, Gabriele Heinisch-Hosek und Sonja Hammerschmid entwichen ist. Alle drei standen grünen Bildungsvisionen nahe. Und speziell Schmied hat mittels sittenwidriger Angriffe gegen ihre eigene Klientel eine Katastrophe in Gang gesetzt: Die Lehrer, die sich den waffenscheinpflichtigen Schmied'schen Reformansinnen verdienstvollerweise entgegenstellten, wurden systematisch als faule, reaktionäre Gehaltsveruntreuer diffamiert. Damit wurde ihnen die zur Berufsausübung existenznotwendige Autorität dauerhaft untergraben. Schülervertreter und (schlimmer) Elternvereine übernahmen die Macht über das System. Leistungsresistenz mit dem Ziel der Sondergesamtschule vom Kindergarten bis zum Uni-Abschluss wurde zum Standard. Dagegen hat Faßmann gearbeitet, und seine Arbeit soll, bitteschön, nicht folgenlos bleiben.

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