Gschaftlhuber sollen sich ihre eigenen Bühnen bauen

Eine Strafanzeige wirft der Führung der Salzburger Festspiele Betrug und gefährliche Drohung vor. Hier wird das ernsthafte Anliegen, die Rechte von Künstlern zu stärken, von Selbstdarstellern lächerlich gemacht

von Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Mit Erhellendem zur Strafanzeige vom 7. Dezember gegen die Salzburger Festspielführung kann ich leider nicht dienen: Ein von mir bemühter bekannt ausgeschlafener Anwalt konnte das Konvolut auch nach zweimaliger Lektüre nicht entwirren. Da werden Sie doch nicht mich fragen wollen, so viel es auch zu beantworten gäbe: wer überhaupt angezeigt hat zum Beispiel. Und was. Dem mir vorliegenden Text zufolge ist bei der WKStA der verdiente Tenor "Mag. art. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke" aktiv geworden. Aber nicht für sich, sondern "als Vorsitzender von art but fair UNITED". Wobei allerdings Exponenten dieses Vereins, der sich der Durchsetzung von Künstlerinteressen verschrieben hat, unter der Hand versichern, sie hätten mit der Anzeige nichts zu tun.

Das kann man nachvollziehen: Versteckt im vorletzten Absatz des wirren Konvoluts werden der Intendant und der Kaufmännische Direktor der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser und Lukas Crepaz, offenbar der gefährlichen Drohung bezichtigt. Wie das? Weil sie im Corona-Notprogramm 2020 ein Mitglied des Staatsopern-Zusatzchors nicht eingesetzt und dann wegen höherer Gewalt auch nicht entschädigt haben. Wer sich dagegen verwahrte, sei mit der Androhung, nie wieder beschäftigt zu werden, "regelrecht eingeschüchtert worden".

Der Tatbestand der gefährlichen Drohung sei damit nicht annähernd erfüllt und wäre so oder so verjährt, lautet die Auskunft meines Anwalts, der in dem Ganzen "eher ein politisches und mediales Papier als tatsächlich eine Strafanzeige" erblickt. Überlassen wir die Bearbeitung also der WKStA, die hier gleich ein paar Sünden abbüßen kann. Es lohnt sich aber, die für uns Laien gedachte vereinfachte Version zu Rate ziehen, nämlich die begleitende Presseaussendung der Agentur Martin Felber vom 8. Dezember. Was zunächst auffällt: Das angezeigte Delikt lautet hier "schwerer Betrug durch Täuschung", kommt aber in der tags zuvor ergangenen Anzeige gar nicht vor. Zum Ausgleich weiß die Aussendung dafür nichts von einer gefährlichen Drohung. Das nährt den Verdacht, dass man noch zu keiner Übereinkunft gelangt ist, was man eigentlich anzeigen wollte.

Mit fortschreitender Lektüre verflüchtigt sich allerdings das Amüsement. Steht da doch wahrhaftig, die Festspiele 2020 hätten ein "willkürlich geändertes Programm" angeboten. Statt "Boris Godunow", "Zauberflöte" und "Intolleranza" seien "nur 'Elektra' und eine 'spontan' angesetzte 'Così fan tutte'" geboten worden.

Nur! Erinnern Sie sich an den Sommer 2020? Über dem Kulturleben lag Todesstille, alles war abgesagt. Aber während man in Bregenz darauf verzichtete, vor erlaubten 1000 Besuchern auf der gut durchlüfteten Seebühne zu spielen, zauberte die Salzburger Dramaturgie Wunder um Wunder in die Festspielhäuser. Der Einakter "Elektra" erwies sich als Glücksfall der ursprünglichen Planung, denn das Zusammentreffen der weit auseinander sitzenden Besucher in den Pausen war als ein Hauptproblem erkannt worden. Also improvisierte man mit kaum spürbaren Strichen eine pausenlose "Così", die wegen ihrer Poesie und Schönheit mit Preisen überhäuft wurde.

Anderswo spielten, wenn überhaupt, Streichquartette in Zweimeterabständen auf Theaterdächern. Aber die Festspiele, die sich ihr Hundertjahrjubiläum von einem zweitklassigen Virus nicht sabotieren lassen wollten, gaben der halbtoten Branche Hoffnung und 900 Künstlern Arbeit. Wenn es nun Personen, die sich im Besitz musikalischer Kompetenz wähnen, für einen Willkürakt halten, in einem Seuchenjahr drei riesig besetzte Choropern zu verschieben, so mögen sie sich mangels Beherrschung der Grundbegriffe weiterer Einlassungen enthalten.

Was hier betrieben wird, erinnert an die Überfälle der Aktion "Just Stop Oil" auf Museen: Ein bedeutendes Anliegen wird mit hysterischem Aktionismus in die Dubiosität krawallisiert. Wobei allfällige habituelle Schnittmengen zwischen Greta Thunberg und dem wackeren Kammersänger Sperrhacke einen eigenen kleinen Essay wert wären.

Worum es in Wahrheit geht, ist die anstehende Vertragsverlängerung des Intendanten, der die Festspiele 2016 aus einem endlosen Führungselend geholt hat. Länger schon läuft das so. Erwidert Hinterhäuser dem schätzenswerten Cornelius Obonya (der übrigens ein halbes Jahr nach Ausbruch der Regierung Mikl-Leitner/Landbauer in Grafenegg einen akklamierten Abend bestritt), ist er bei den Moralisierern fällig. Steht er inmitten einer bedrängenden Dirigentenkrise mit Fortüne und Courage zum schandbar drangsalierten Currentzis, rücken ihm Schläger aus den digitalen Banlieues auf die Pelle. Kippt er einen inferioren "Jedermann", ist des Geschreis kein Ende. Holt er auf dem Höhepunkt der Pandemie di Branche aus dem Koma, passt es auch nicht. Um Missverständnisse auszuschließen: Künstler, die um ihre Rechte kämpfen, verdienen jede Unterstützung. Aber Selbstdarstellungsgschaftlhuber mögen sich ihre eigenen Bühnen bauen.

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