Spitzentöne von

Großvatermord
am Burgtheater?

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Neues von Kušejs Burg: Ofczarek nimmt Karenz, Moretti kommt mit dem "Weibsteufel", Ulrich Rasche eröffnet mit Euripides. Und der Direktor wagt sich an Kleists "Hermannsschlacht"!

Über die künstlerischen Absichten des mit Sommer 2019 ins Amt tretenden Burgtheaterdirektors Martin Kušej ist wenig an die Öffentlichkeit gelangt. Zwar wissen wir jetzt, dass es a) die Aufgabe des Burgtheaters sein muss, sich in die politische Opposition zu begeben (Kušej in "Der Standard"), und b) nicht die Aufgabe des Burgtheaters sein kann, sich in die politische Opposition zu begeben (Kušej in "Die Presse"). Womit der Situationselastiker aber herauszukommen gedenkt, darüber wurde nichts Neues bekannt, seit News am 1. Februar berichtete, Kušej werde in eigener Regie "Faust", Schönherrs "Weibsteufel" und Frayns "Der nackte Wahnsinn" vom Dienstort München mitbringen. Dazu kommt mittlerweile, ebenfalls in Kušej-Regie, "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" aus dem Jahr 2014. Die Eröffnungsproduktion, so meldeten wir, sei dem deutschen Regisseur Ulrich Rasche anvertraut, einem finsteren Apokalyptiker und Jünger Ego des Direktors. Damals kreiste die Planung um "Nathan der Weise", nun werden es, unter Rasche, die "Bakchen" des Euripides.

Spannender ist, was man sonst von den Neuinszenierungen hört: Kleists "Hermannsschlacht" kommt in der Regie des Direktors! Das könnte leicht als Akt des Großvatermordes verstanden werden: Mit einer aus Bochum ans Burgtheater übernommenen "Hermannsschlacht" etablierten sich einst Claus Peymann und Gert Voss für Jahrzehnte als Maßstabsetzer szenischer Exzellenz. Peymann wurde ja (wie auch Andrea Breth, von der nur John Hopkins' "Diese Geschichte von Ihnen" im Repertoire bleibt) davon in Kenntnis gesetzt, dass er hier künftig als Regisseur nicht mehr erwünscht ist. Zusätzlich forderte Kušej, man möge das Wirken Peymanns nicht überschätzen und lieber dessen Nachfolger Bachler verehren.

Nun verpflichtete Bachler zwar einst den Jüngling Kušej ans Haus. Davon abgesehen aber waren seine direktoralen Maßgeblichkeitskundgebungen doch arg überschaubar. Auffallender als sein Programm war, dass er schier außer sich zu geraten pflegte, wenn er auf den überlebensgroßen Vorgänger Peymann angesprochen wurde. Der Kundige meint hier Parallelen wahrzunehmen und blickt dem Vergleich zwischen der Kušej'schen und der Peymann'schen "Hermannsschlacht" aufmerksam entgegen. Zumal Wahrheiten auch außer Haus drohen, wenn Peymanns Genesung nur entsprechend voranschreitet: Er soll im Herbst an der "Josefstadt" Thomas Bernhards "Ein Fest für Boris" inszenieren (in der Musik nennt man das Originalklang).

Was weiß man noch von der neuen Direktion? Statt 20 Ensemblemitgliedern müssen nur noch 19 gehen: Das neue Führungsteam hatte sich entschlossen, die großartige Schauspielerin Stefanie Dvorak nach bereits vollzogener Kündigung doch n0ch auf der Bühne zu begutachten (branchenüblich ist der umgekehrte Weg). Noch etwas? Ja, Nicholas Ofczarek nimmt für mindestens ein Jahr (eher doppelt so lang) Karenz, um u. a. die zweite Staffel der Sky-Serie "Der Pass" zu drehen. Vergangene Zerwürfnisse mit Kušej hätten die Entscheidung nicht beeinflusst, versichert er. Ofczarek spielt maximal zwei noch laufende Produktionen zu Ende. Seine Rolle in Schönherrs "Weibsteufel" - Kušej holte seine Akademietheater-Inszenierung aus dem Jahr 2008 nach München und bringt sie nun zurück -übernimmt wie schon zuletzt Tobias Moretti. Der allerdings bedauert, ansonsten bis inklusive 2020 ausgebucht zu sein.

Womit die Frage, wer denn als Cherusker Hermann in die gleichnamige Schlacht ziehen soll, an Dringlichkeit zulegt: Joachim Meyerhoff würde sich da gebieterisch aufdrängen. Sollte, wie vielerorts befürchtet, aber durch keine Indizien belegbar, auch er sich zurückziehen, würde es eng mit dem Voss 4.0.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at

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