Spitzentöne von

Wir werden 2017
nicht vermissen

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Ein Kulturjahr mit aktionistischen Zügen ist vorbei. 2018 dürfte keineswegs entspannter verlaufen

An Aktionismus hat es dem Jahr 2017 nicht gefehlt, im Gegenteil. Wesentlichen Anteil daran hatte Kunstminister Drozda, der ab dem Augenblick seiner Ernennung ans Werk stürmte, als handle er unter Verewigungsdruck. Wenige Minister können auf eine vergleichbar kurze Amtszeit zurückblicken, kaum einer auf eine solche Zahl an Ernennungen. In diesem Jahr traf es das Burgtheater und das Kunsthistorische Museum, schon 2016 das Belvedere und die Staatsoper. Die letztgenannte, zugleich glücklichste Personalie in Drozdas Verantwortung nahm heuer eine ebenso dramatische wie zuletzt erfreuliche Wendung: Bogdan Roščić, Staatsoperndirektor ab Herbst 2020, wurde Ziel einer Wiener Kleinintrige um seine Dissertation und blieb der Stärkere (Seite 116). Damit wurde das an der Wiener Kunsthalle und am Belvedere institutionalisierte Prinzip durchbrochen: der Sieg des Mittelmaßes über das Unbequeme, aber Erstklassige. Am Burgtheater amtiert ab 2019 der Kärntner Martin Kušej, derzeit Intendant des Münchner Residenztheaters. Kušej ist ein namhafter Regisseur, der leise Ermüdungserscheinungen zeigt, und ein umstrittener Direktor: Er hat schon in München das komplette Ensemble ausgetauscht und dementiert nur halbherzig, Ähnliches in Wien zu beabsichtigen. Um ihn an solchen Maßnahmen zu hindern, hätte es vertraglicher Vereinbarungen bedurft, die unterblieben, weil sich Drozda selbst unter Zeitdruck gesetzt hatte.

Im Kunsthistorischen Museum (KHM) tritt 2019 der deutsche Kunsthistoriker Eike Schmidt an, ein emsiger Jobhopper mit zwei Jahren Führungserfahrung in den Uffi zien von Florenz. Gegen ihn spricht so wenig, wie für ihn spricht: Das KHM ist unter Sabine Haag repräsentativer und innovativer aufgestellt als die Uffi zien, ihre Ablöse: überflüssig.

Bei den Philharmonikern kehren nach der Abwahl des Vorstands Andreas Großbauer wieder distinguierte Verhältnisse ein (Seite 158), und die ersten von Markus Hinterhäuser verantworteten Salzburger Festspiele verliefen idealformatig. Dafür wurden die Wiener Festwochen vom neu bestellten Intendanten Tomas Zierhofer-Kin umweglos in den Abgrund gefahren. Vermisst hat man Konsequenzen seitens des Wiener Kulturstadtrats Mailath-Pokorny, von dem nun einiges erwartet wird: Bekennt er sich zur Volkstheater-Direktorin Anna Badora, die mit Auslastungsproblemen kämpft und deren Vertragsverlängerung 2018 entschieden wird? Bringt er (bei Redaktionsschluss wurde die Entscheidung erwartet) den Regisseur Stefan Herheim als Direktor des Theaters an der Wien durch? Und verbleibt tatsächlich Christian Struppeck an der Spitze der Wiener Musical-Häuser?

Die markanteste Veränderung betrifft den obersten Amtsinhaber selbst: Drozda hat seinem Nachfolger Gernot Blümel zwar keine Personalentscheidung aus der ersten Reihe übrig gelassen. Dennoch können spannende Zeiten bevorstehen. Kušej kündigt Akte zivilen Ungehorsams gegen die Regierung an. Die wiederum bekennt sich nicht einmal formal zur Valorisierung des Kulturbudgets. Zu der kam es zwar nie, doch hat sie wenigstens als Absichtserklärung die Jahrzehnte überlebt. Und was heißt "Abschaffung des Gießkannenprinzips"? Doch nicht, wie beim Parteifreund in Oberösterreich, die Senkung der Mittel für kleine Initiativen unter das Existenzminimum? Immerhin wird die kulturelle Wiederaufforstung der Lehrpläne angekündigt, doch die für das Debakel hauptverantwortliche Zentralmatura steht nicht zur Diskussion. Langweilig wird es nicht.