Spitzentöne von

Auslöschung eines Genies

Heinz Sichrovsky erinnert an den Altösterreicher und Geiger Vása Príhoda

Heinz Sichrovsky © Bild: News

Das mit roter Farbe auf Grabsteine gemalte Kreuz ist ein Signal der Auslöschung: Es informiert darüber, dass bald die letzte Spur eines Menschen getilgt sein wird, weil niemand mehr die Friedhofsgebühr entrichtet. Neulich stand ich durch Zufall auf dem Hietzinger Friedhof vor solch einem Grabstein und wollte den eingravierten Namen nicht für möglich halten: „Váša Príhoda“ stand da und die Lebensdaten 1900 bis 1960. Nicht wenige halten den in Böhmen geborenen Altösterreicher für einen der größten Geiger, die je gelebt haben. Er wurde unermesslich gefeiert und ließ sich, wie viele, nach dem „Anschluss“ weiter feiern. Seine erste Frau war die jüdische Violinistin Alma Rosé, die das Mädchenorchester in Auschwitz begründete und dort 1944 ermordet wurde. Die Ehe war längst hinüber, als sich das Paar 1935 scheiden ließ, und auch Príhodas zweite Ehefrau war jüdisch. Doch anders als führenden Kulturfunktionären der Nazizeit, die an ihren Karrieren keinen Schaden nahmen, wurden ihm nach dem Krieg seine Auftritte im Dritten Reich zum Verhängnis. Man bezichtigte ihn, Alma Rosé aus Opportunismus verlassen zu haben, die Rehabilitation kam zu spät. Er wurde vergessen und musste schwer krank auch die Lehrtätigkeit in Wien aufgeben. Dass sich nun niemand mehr fände, der für den Erhalt seines Grabes aufkäme, will ich im Glauben an die Zivilisation ausschließen.

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