Spitzentöne von

Am Rande des Suppentopfs

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Am Berliner Ensemble tritt in diesen Tagen Oliver Reese die Nachfolge Claus Peymanns an. Er hat das gesamte in 28 Jahren aufgebaute Ensemble entlassen. Den nämlichen Schritt setzte zwei Jahre zuvor die Volkstheaterdirektorin Anna Badora, und die Folgen materialisieren sich soeben in einer Aussendung: Wer jetzt 90 Euro auf den Tisch legt, kann sich dafür bis Weihnachten eine unbegrenzte Zahl an Vorstellungen ansehen. Die Gründe sind nicht nur volkspädagogischer Art: Das Haus laboriert an Publikumsschwund, denn Wien ist eine Schauspielerstadt, die ihre Liebesverhältnisse über Jahre etabliert. Eine der wenigen Quotenbringerinnen der Ära Badora war übrigens Stefanie Reinsperger, die mit dieser Saison nach Berlin abhanden kommt - zu Reese, womit sich die Kreise schließen.

Das bringt mich zu einer noch nicht verklungenen Erregung: Der designierte Burgtheaterdirektor Martin Kušej ließ via Ö1 wissen, er gedenke bei Amtsantritt, "sicher mal die Hälfte oder zwei Drittel dieses Suppentopfs" wegzuschütten. Später relativierte er die Wortwahl: Er habe nicht die Schauspieler gemeint. Allerdings hat Kušej schon als Intendant des Münchner Residenztheaters dessen weltformatiges Ensemble gekündigt. Nun ist, wie an dieser Stelle mehrfach vermerkt, Aufmerksamkeit geboten: Kein Direktor ist Inhaber seines Hauses. Er verwaltet mindestens so viel, wie er gestaltet. Das Urteil spricht das Publikum.

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