Spanien und der Fluch vom Viertelfinale:
Selección kämpft gegen Italien & Statistik

Spanien mit schlechter Bilanz gegen Italien Gereiftes und kompaktes Team soll siegen

Spanien und der Fluch vom Viertelfinale:
Selección kämpft gegen Italien & Statistik © Bild: Reuters/Kuzmanovic

Was wäre Fußball ohne seine sorgfältig gepflegten nationalen Rivalitäten? Österreich gegen Deutschland, Brasilien gegen Argentinien oder Schweden gegen Dänemark – der sportliche Wettbewerb lebt von Kontrahenten, an denen man sich steigern, bei denen man über sich hinauswachsen kann. Die große Fußballnation Spanien kommt allerdings ohne einen derartigen Rivalen aus. Spanien stellt sich einer anderen Herausforderung – dem ewigen Fluch vom Viertelfinale.

Hier scheiterten als Mitfavoriten gehandelte spanische Auswahlen bereits oft genug: bei den Weltmeisterschaften 1986, 1994 und 2002 ebenso wie bei den Europameisterschaften 1996 und 2000. Die makellose Bilanz der EURO-Gruppenphase - drei Siege in drei Spielen - nehmen spanische Medien vor dem Viertelfinale daher zum Anlass, mahnende Worte auszusprechen. „La Roja“ – die „Rote Furie“ - sei tatsächlich nicht so schlecht, bestätigen Spaniens Zeitungen. Aber so gut sei die Mannschaft auch nicht, jedenfalls habe man mit dem Erreichen des Viertelfinales bisher nur das Minimalziel erfüllt. „Genießen und träumen“, so rät die spanische ABC, „möge man mit Rafael Nadal.“

Viertelfinalgegner Italien
Im Viertelfinale der EURO 2008 trifft "La Roja" immerhin auf Weltmeister Italien, den die Selección zuletzt vor 88 Jahren in einem Bewerbsspiel bezwingen konnte. Seit diesem 2:0 bei den Olympischen Spielen in Antwerpen 1920 trafen die beiden Nationen bei Großereignissen nur mehr selten aufeinander. Bei Olympia 1928 holte Spanien in der ersten Partie ein 1:1 heraus, um im zweiten Match von den Italienern 7:1 deklassiert zu werden. Sechs Jahre später konnte sich Gastgeber Italien bei der WM 1934 nach einem neuerlichen 1:1 im ersten Spiel in der zweiten Partie abermals durchsetzen (1:0).

Viertelfinalskandal bei der WM 1994
Nachdem Italien und Spanien über 60 Jahre kein Bewerbsspiel gegeneinander auszutragen hatten, erfolgte das letzte offizielle Aufeinandertreffen der beiden Länder im Viertelfinale der WM 1994 in den USA. Der Spielverlauf erregt in Spanien bis heute die Gemüter. In der 82. Minute hatte Julio Salinas zunächst den Matchball am Fuß, scheiterte aber am italienischen Keeper Gianluca Pagliuca. Doch es sollte noch schlimmer kommen: Nach dem Führungstreffer Roberto Baggios zum 2:1 für Italien in der 88. Minute übersah der ungarische Schiedsrichter Sandor Puhl einen Strafraum-Ellbogencheck von Mauro Tassotti an Luis Enrique. Obwohl Enrique einen dreifachen Nasenbeinbruch erlitt und mit blutüberströmtem Gesicht den Elfmeter einforderte, wurde er den Iberern vorenthalten. Diese Szene prägte sich tief in das Fußballbewusstsein Spaniens ein und wurde von den spanischen Medien rechtzeitig vor der Partie gegen Italien wieder ausgegraben.

Ausgeglichene Bilanz
Ungeachtet der miserablen Turnier-Bilanz gegen Italien verliefen die bisher 27 inoffiziellen Aufeinandertreffen der beiden Nationen ausgeglichener. Spanien musste neun Spiele verloren geben und konnte achtmal triumphieren. Zehn Spiele endeten mit einem Unentschieden. Im letzten Duell besiegte „La Roja“ das italienische Team im März dieses Jahres 1:0. Den Treffer erzielte in der 77. Minute ausgerechnet David Villa, jener Stürmer, der Spanien bei der EURO 2008 ins Viertelfinale geschossen hat. Vielleicht ein gutes Omen für die Mannschaft von Teamchef Luis Aragonés, der von Statistiken wenig hält und standhaft daran glaubt, dieses Mal endlich den Fluch vom Viertelfinale brechen zu können.

Die WM 2006 als Lektion
Die Titelambitionen des „Weisen von Hortaleza“ beruhen interessanterweise auf einem Misserfolg: Bei der WM 2006 hatte der spätere Finalist Frankreich den spanischen Eilzug im Achtelfinale überraschend ausgebremst, nachdem man Spanien nach überragenden Leistungen in der Gruppenphase bereits zu einem Favoriten erklärt hatte.

Das bittere Aus im Achtelfinale sei für seine damals noch unerfahrenen Schützlinge eine wichtige Lektion gewesen, urteilt Aragonés. Seitdem wäre das Team gereift und wisse, dass auf dem höchsten Niveau Kleinigkeiten Spiele entscheiden können. Kleinigkeiten, mit denen der Nationaltrainer auch den Teamgeist anspricht, der einen Schlüssel zu einem spanischen Erfolg darstellen könnte: Zog es Real Madrid-Star Raúl 2006 noch vor, seinen Treffer gegen Tunesien nur mit den auf der Bank sitzenden Kollegen Canizares und Salgado zu bejubeln, verfiel in den EURO-Gruppenspielen nach David Villas’ oder Fernando Torres’ Toren die gesamte Mannschaft in eine kollektive Ekstase. Ein herausragendes, aber keineswegs das einzige Zeichen für eine intakte und kompakte Gruppe, bei der jeder Akteur für seine Mitspieler zu laufen bereit ist und in der auch Offensivspieler wie Xavi anstandslos hinten aushelfen.

Traumsturm Torres-Villa
Aragonés könnte es tatsächlich gelungen sein, dieses Mal eine Mannschaft zu schmieden, die mehr ist als die Summe ihrer Bestandteile – eine für spanische Auswahlen längst nicht selbstverständliche Leistung. Rückblickend machte sich sogar der im Vorfeld der EM heftig kritisierte Verzicht auf Star Raúl bezahlt: Kein Stürmerduo harmonierte bei der EURO 2008 bisher so gut wie Fernando Torres und Top-Torjäger David Villa. Mit vier Treffern rangiert der 26-Jährige momentan ganz oben in der Torschützenliste.

Für Aragonés ist Villa, der aus praktisch jeder Situation ein Tor erzielen kann, aber mehr als ein gelungener Griff. Der Noch-Valencia-Spieler vereinfacht dem Teamchef die Wahl unterschiedlicher taktischer Varianten, wie das Spiel gegen Schweden, das Villas Kontertor entschied, unter Beweis stellte. Voraussetzung dafür war natürlich auch die gute Leistung der Verteidigung, die bislang mit Kompaktheit und konzentriertem Stellungsspiel überraschte.

Gerade diese Balance zwischen defensiver Sicherheit und Vorwärtsbewegung, die spanische Mannschaften über Jahrzehnte hinweg suchten, zeichnete das Spiel der Spanier in der Gruppenphase aus: Den offiziellen Statistiken der UEFA zufolge leitete keine Mannschaft in den ersten drei Spielen mehr offensive Aktionen ein als Spanien, bei keinem Team fanden die Pässe öfter ihr Ziel und in punkto Ballbesitz konnte lediglich Portugal mit den Iberern mithalten.

„La Roja“ ist also mit einer Reihe von Vorzügen für das Viertelfinale gewappnet. Ob diese Qualitäten ausreichen, um die Statistik gegen Italien aufzubessern, wird sich weisen. Gegen Italien geht Spaniens Kampf gegen den Fluch vom Viertelfinale jedenfalls in die nächste Runde.

(Stefan Meisterle)

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