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Barcelona-Terror:
Fahrer erschossen

Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um flüchtigen 22-jährigen Abouyaaquoub

Nach den Anschlägen von Barcelona und Cambrils hat die Polizei in der Nähe der katalanischen Hauptstadt am Montag einen Mann erschossen. Nach Angaben aus Ermittlerkreisen handelt es sich bei dem erschossenen "Verdächtigen" um den Fahrer des Lieferwagens, der den Anschlag in Barcelona verübt hatte. Unterdessen wurde bekannt, dass sich die Zahl der Todesopfer auf 15 erhöht hat.

Der Erschossene habe etwas am Körper getragen, das ein Sprengstoffgürtel sein könnte, schrieb die katalanische Polizei im Kurznachrichtendienst Twitter. Nach dem mutmaßlichen Attentäter von Barcelona, dem Marokkaner Younes Abouyaaqoub, wurde europaweit gefahndet. Er hatte nach Überzeugung der Ermittler am Donnerstag mit einem weißen Lieferwagen gezielt Passanten auf Barcelonas berühmter Flaniermeile Las Ramblas umgefahren.

Nach dem Anschlag in Barcelona
© imago/ZUMA Press

Younes Abouyaaqoub als Hauptverdächtiger

Younes Abouyaaqoub galt Berichten zufolge bereits zuvor als Hauptverdächtiger. Allerdings konnte Trapero bis dato nicht bestätigen, dass der gebürtige Marokkaner tatsächlich den Lieferwagen gesteuert hat.

Die Behörden gehen davon aus, dass die Attacken in Barcelona und Cambrils von einer islamistischen Terrorzelle mit zwölf Mitgliedern verübt wurden. Fünf davon wurden in Cambrils erschossen, vier kurz nach der Tat festgenommen - sie sollen voraussichtlich am Dienstag dem zuständigen Ermittlungsrichter in Madrid vorgeführt und verhört werden. Nach drei weiteren werde gefahndet, sagte Trapero. Allerdings seien zwei von ihnen "mit größter Wahrscheinlichkeit tot" - denn nach einer Explosion am Mittwoch seien in den Trümmern eines Hauses in Alcanar die Überreste von mindestens zwei Menschen gefunden worden.

Die Explosion steht offenkundig in direktem Zusammenhang mit dem Anschlag in Barcelona und dem vereitelten Angriff in Cambrils. In dem Haus hatte die Terrorzelle 120 Gasflaschen gehortet. Damit sollten nach Vermutung der Ermittler ein oder mehrere noch größere Attentate verübt werden als jenes vom Donnerstag, das möglicherweise nur der improvisierte Plan B war.

Welche Rolle spielt der verschwundene Imam?

Die Ermittler untersuchen nun verstärkt die Rolle des verschwundenen Imams Abdelkadi Es Satty. Der Imam sei in den vergangenen zwei Jahren nach Belgien sowie nach Marokko und Frankreich gereist, berichtete die spanische Zeitung "El Pais" am Montag unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen.

Insbesondere werde ein Aufenthalt Es Sattys 2016 in der belgischen Gemeinde Machelen untersucht, hieß es in spanischen Medien. Laut "El Pais" stand der Imam möglicherweise auch in Kontakt mit einem Anführer der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS).

Nach dem Anschlag in Barcelona
© Reuters/Susana Vera

Es Satty wird verdächtigt, die jungen Männer hinter den Anschlägen von Barcelona und Cambrils radikalisiert zu haben. Es Satty wohnte in der Kleinstadt Ripoll in Katalonien. Von dort und von dem Ort Alcanar aus soll die zwölfköpfige Terrorzelle aus agiert haben. Ein Einwohner Ripolls sagte, seit der Imam Es Satty vor zwei Jahren in den Ort gekommen sei, habe es dort einen "Wandel" gegeben.

Es Satty wurde seit Dienstag nicht mehr gesehen. Nach Informationen von "El Pais" wurde er möglicherweise bei der Explosion eines Hauses in Alcanar getötet. Die 61-jährige französische Rentnerin Martine Groby, die neben dem Haus in Alcanar wohnt, sagte der Nachrichtenagentur AFP, sie habe seit April vier Männer gesehen, "die alle französisch sprachen". Sie seien gekommen und gegangen und hätten Waren entladen.

Mutter des Hauptverdächtigen spricht

Die Mutter des Hauptverdächtigen Abouyaaqoub appellierte an ihren Sohn, sich zu stellen. "Mir ist es lieber, er kommt ins Gefängnis, als dass er stirbt." Der Vater von zwei der in Cambrils getöteten Terroristen versicherte in der Zeitung "La Vanguardia", er habe von der Radikalisierung seiner Söhne nichts gewusst. "Ich weiß nicht, was sie meinen Söhnen in den Kopf gesetzt haben. Aber ich kann versichern, dass es gute, normale Kinder waren."

»Mir ist es lieber, er kommt ins Gefängnis, als dass er stirbt«

Nach Ansicht des Terrorexperten Guido Steinberg muss Europa weiterhin mit verheerenden Attentaten der Terrororganisation IS rechnen, die sich auch zum Anschlag in Barcelona bekannte. Zwar habe die Qualität der Anschlagspläne nachgelassen, weil die Extremisten in ihren Kerngebieten in Syrien und im Irak unter Druck geraten seien, sagte der Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Die Vorgänge in Katalonien zeigten aber, dass der IS nicht so schwach sei, wie von einigen zuletzt behauptet.

Bekannter über Attentäter: "Waren ruhige Leute"

Tage nach den Terroranschlägen von Barcelona und Cambrils herrscht bei Bekannten und Verwandten der mutmaßlichen Attentäter noch Unglauben. "Sie führten ein ruhiges Leben", sagte ein 35-Jähriger - ebenso wie die Mitglieder der Terrorzelle - gebürtiger Marokkaner, der in der nordspanischen Stadt Ripoll lebt, der spanischen Zeitung "El Pais" (Online) am Montag.

"Niemals hätte ich sie verdächtigt", so der Mann. "Sie sprachen perfekt Spanisch und Katalanisch." Er vermutete, ebenso wie die spanische Polizei, den Imam Abdelbaky Es Satty hinter der Radikalisierung der jungen Männer. Er selbst sei zwar auch in die Moschee gegangen, habe aber von dem Imam nie ein Wort zur Terrororganisation "Islamischer Staat" gehört, sagte der Marokkaner zu "El Pais". "Ich glaube diese Botschaften sind in einer Wohnung in Barcelona vermittelt worden, nicht in der Moschee."

»Niemals hätte ich sie verdächtigt«

Wie die spanische Zeitung "El Mundo" berichtete, konnte die aus vermutlich zwölf Mitgliedern bestehende Terrorzelle bereits in den vergangenen sechs Monaten ungestört an der Vorbereitung der Anschläge arbeiten. Der katalanische Polizeichef Josep Lluis Trapero bestätigte, dass es im Zusammenhang mit dem Haus in Alcanar, in dem die Männer die Taten vorbereiteten, keine "merkwürdigen" Vorfälle gegeben habe, die Polizei deshalb auch nicht aktiv wurde.

Aqbouch Abouyaaqoub, Großvater des Hauptverdächtigen, Younes Abouyaaqoub, entschuldigte sich gegenüber dem "El Pais" für die Tat seines Enkels: Diese habe "nichts mit der marokkanischen Kultur oder Tradition zu tun". Er betonte, dass seine Enkel das Land in sehr jungem Alter verlassen und dort ihre Ausbildung gemacht hätten.

Neue Durchsuchung in Ripoll

Nach dem Terroranschlag in Barcelona und dem vereitelten Anschlag in Cambrils hat die Polizei erneut eine Wohnung in Ripoll durchsucht. In den frühen Morgenstunden hätten katalonische Beamte in der Unterkunft im Stadtteil Sant Pere unter anderem zwei Taschen und einen Karton mit Material sichergestellt, berichteten spanische Medien am Montag.

Polizei in Barcelona
© Reuters/Eloy Alonso

Augenzeugen sprachen demnach von einem "beachtlichen Polizeieinsatz" mit Beamten in Uniform und Zivil. Die örtliche Polizei habe eine Straße in der Altstadt für den Verkehr gesperrt. Mehrere Quellen bestätigten der Tageszeitung "La Vanguardia", während des Einsatzes sei "großer Lärm" zu hören gewesen.

Sobotka will "maßgeschneiderte Lösungen"

Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) will bestehende Sicherheitsmaßnahmen in Österreich überprüfen. Besonders im Hinblick auf mögliche Anschläge mit Fahrzeugen sollen gemeinsam mit Landespolizeidirektionen und lokalen Behörden "maßgeschneiderte Lösungen" für den öffentlichen Raum gefunden werden, um Risiken zu minimieren, sagte ein Sprecher.

In Deutschland heizte der Anschlag von Barcelona die Debatte um mehr Schutz vor Terroristen und um die Sicherung deutscher Großstädte vor Attacken mit Fahrzeugen an. In Italien entschied die Präfektur von Rom am Wochenende, Fußgängerzonen auf der Grundlage der Sicherheitserkenntnisse nach den Anschlägen in Barcelona, Nizza, Stockholm, Berlin und London zusätzlich zu schützen.

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