So sozial ist Österreich

Armutsgefährdung sinkt, aber Vermögen und Einkommen sehr ungleich verteilt

Etwas weniger armutsgefährdete Personen aber eine gleichbleibende Zahl manifest Armer konstatiert der aktuelle Sozialbericht für die Jahre 2011 und 2012. Zugleich stellt der Bericht fest, dass Einkommen und Vermögen in Österreich sehr ungleich verteilt sind. Das geht aus dem Sozialbericht 2011/12 hervor, den Sozialminister Rudolf Hundstorfer vorgestellt hat. Die Folgen der Wirtschaftskrise haben sich demnach in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Staaten relativ moderat auf den Lebensstandard der Bevölkerung ausgewirkt.

von Alte Frau bettelt. Stockbild © Bild: Thinkstock

Bei manifester Armut konstatiert der Sozialbericht einen langfristigen Anstieg. Manifest arm sind Personen, die sowohl monetär armutsgefährdet (weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens) als auch finanziell depriviert (wenn zwei aus sieben Merkmalen wie Wohnung nicht warm halten können, nahrhaftes Essen nicht leistbar, regelmäßige Zahlungen nicht begleichbar, bei Bedarf keine neue Kleidung kaufen können, Arzt- oder Zahnarztbesuch nicht leistbar, Freunde nicht einladen können zutreffen) sind. 2010 waren bereits eine halbe Million Menschen davon betroffen (6,2 Prozent der Bevölkerung). Das sind um rund 140.000 Personen mehr als noch im Jahr 2005 (4,6 Prozent).

Noch deutlicher ist die Zunahme langfristig verfestigter Armut. Seit 2005 hat sich die Zahl der Menschen, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren finanziell depriviert waren, mehr als verdoppelt. Im Jahr 2010 waren 855.000 Menschen oder 10,6 Prozent der Bevölkerung davon betroffen (2005: 5,1 Prozent). 2009 war der Prozentsatz der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren von manifester Armut betroffenen Personen mit 11,9 Prozent allerdings noch höher.

Weniger von Armut Bedrohte

Die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen hat sich hingegen trotz Wirtschaftskrise verringert. Das sind Personen, die entweder armutsgefährdet (60 Prozent des Medianeinkommens) oder vier Merkmale für erhebliche Deprivation aufweisen (siehe oben) oder in einem Haushalt mit sehr niedriger oder keiner Erwerbstätigkeit leben. Von einer dieser drei Gefährdungslagen waren 2010 1,373 Millionen Menschen oder 16,6 Prozent der Bevölkerung betroffen. Diese Zahl ist seit 2008 um rund 160.000 Personen gesunken - 2008 waren noch 18,6 Prozent (1,532 Millionen) von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Mit einer Armuts-/Ausgrenzungsgefährdungsquote von 18,8 Prozent waren Kinder und Jugendliche (285.000) im Jahr 2010 besonders stark betroffen. Die Gefährdungsquote von Frauen lag mit 18,3 Prozent um fast ein Drittel höher als jene der Männer. Jede dritte alleinlebende Frau ohne Pension und 37 Prozent der Alleinerzieher und -Erzieherinnen sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Auch in Haushalten eingebürgerter (38 Prozent) oder ausländischer Bürger (37 Prozent) ist dieses Risiko doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Betrachtet man allein die Gruppe der Armutsgefährdeten (Jahreseinkommen weniger als 12.371 Euro bzw. 60 Prozent des Medianeinkommens), so ist deren Zahl annähernd konstant geblieben. 2010 waren davon 12,1 Prozent (rund eine Million Personen) betroffen, 2008 waren es 12,4 Prozent.
Geringfügig verbessert hat sich die Wohnsituation. Im Jahr 2010 lebten 273.000 Personen (3,3 Prozent) in prekären Wohnverhältnissen (Substandardwohnungen mit schlechten Lichtverhältnissen, Feuchtigkeit oder fehlender Waschküche). Das sind um sieben Prozent weniger als 2008.

Volkshilfe warnt

Hunger verbinden wir meistens mit Ländern im Süden, weit weg von uns. Doch auch im reichen Österreich gibt es immer mehr Menschen, die zu wenig verdienen, um sich gute Nahrung leisten zu können. 8 Prozent der Österreicher können sich aus finanziellen Gründen nicht ausgewogen ernähren. Das heißt, sie können es sich nicht leisten, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Speise zu essen. "Armut hat viele Gesichter", weiß Sozialexpertin Verena Fabris. "Um die Wohnung zu erhalten bzw. sie warm halten zu können, schränken sich viele Menschen am Ende des Monats beim Essen ein."

Aber nicht nur steigende Lebensmittelpreise verschärfen die Situation. Heizen ist immer noch jener Faktor, der einkommensschwache Haushalte am meisten belastet. "Armutsbetroffene Haushalte zahlen zwischen 30 und 40 Prozent mehr für die Energie als vergleichbare "normale" Haushalte", erklärt Fabris. "Grund dafür sind Zusatzkosten wie Mahnspesen oder die Kosten für das Ab- und Einschalten von Strom beziehungsweise Gas. Offene Energierechnungen und Mietrückstände sind die Hauptgründe, warum sich in Not geratene Menschen an die Sozialberatungsstellen der Volkshilfe wenden."

Ungleiche Verteilung des Vermögens


Die Verteilung des Vermögens in Österreich ist sehr ungleich. Wie aus dem Sozialbericht hervorgeht, besitzt die Hälfte der Haushalte nur ein sehr geringes Nettovermögen von durchschnittlich 18.000 Euro. Bei weiteren 30 Prozent beträgt das durchschnittliche Vermögen 178.000 Euro. Bei weiteren 15 Prozent der Haushalte liegt das durchschnittliche Vermögen bei 497.000 Euro. An der Spitze der Vermögensskala befinden sich 5 Prozent der Haushalte. Deren durchschnittliches Vermögen beträgt 2,57 Millionen Euro pro Haushalt. Erfasst wurde dabei das Sach- und Finanzvermögen der Haushalte minus der Verschuldung.

Das durchschnittliche Nettovermögen der vermögendsten 5 Prozent ist damit laut Sozialbericht 139 Mal höher als das der Hälfte aller Haushalte. Auf die Top-5 Prozent entfallen 45 Prozent und auf die untere Hälfte 4 Prozent des Gesamtvermögens. In der Top-5 Prozent-Gruppe besitzt die Hälfte nicht selbst genutzte Immobilien; 68 Prozent haben Unternehmensbeteiligungen; 30 Prozent haben ein Teil ihres Vermögens in Fonds angelegt und jeweils 12 bis 14 Prozent besitzen Aktien, Anleihen und anderes Finanzvermögen. Bei den unteren 50 Prozent besitzen nur 3 Prozent eine nicht selbst genutzte Immobilie, 2 Prozent sind an Unternehmen beteiligt und jeweils zwischen 1 und 3 Prozent haben einen Teil ihres Vermögens in Fonds, Aktien, Anleihen oder anderen Finanzvermögen angelegt.

Sozialminister Rudolf Hundstorfer (S) sieht angesichts der im Sozialbericht festgestellten ungleichen Vermögensverteilung Handlungsbedarf. Es sei bezüglich vermögensbezogener Steuern zwar schon vieles geschehen, einiges sei aber noch offen. Konkret gehe es darum, den Faktor Arbeit zu entlasten und den Faktor Vermögen zu belasten, sagte Hundstorfer am Montag Abend bei der Präsentation des Sozialberichts.

Arme verdienen weniger

Die Einkommen aus Löhnen steigen langsamer als jene von Unternehmen, aus Vermögen oder Mieten. Die Brutto-Lohnquote, der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, ist von 75,7 Prozent im Jahr 1994 auf 67,3 Prozent im Jahr 2011 deutlich gesunken. Aber auch innerhalb der Lohneinkommen steigen die Ungleichheiten. Innerhalb von 15 Jahren (1995-2010) hat sich der Anteil des untersten Einkommensfünftels am gesamten Bruttolohneinkommen von 2,9 auf 2,0 Prozent reduziert. Auch im zweituntersten Einkommensfünftel verringerte sich der Anteil von 10,9 auf 9,2 Prozent. Dem steht ein Anstieg des Anteils der beiden oberen Einkommensgruppen gegenüber.

Durch Aktivitäten des Staates (Steuern und Sozialtransfers) wird die Verteilung der Bruttoeinkommen allerdings beträchtlich korrigiert. Auf die 20 Prozent der Haushalte mit den niedrigsten Haushaltseinkommen entfallen 11 Prozent des gesamten verfügbaren Einkommens, auf das oberste Einkommensfünftel 35 Prozent. Damit ist trotz des Auseinanderdriftens der unteren und oberen personellen Erwerbseinkommen die Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen in etwa konstant geblieben.

Kommentare

3 Millionen Haushalte, 5% davon sing 150,000, und da soll der Durchschnitt 2,5 Millionen sein?

Das wären 375 Milliarden. Da ist wohl in der Statistik einiges durcheinander gekommen.

Was ich hörte, die Top 0,1 % haben 14% des Gesamtvermögens. Also einer von den Top 0,1 % hat 140 mal soviel wie der Durchschnitt.

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