ESC von

Eurovision Song Contest:
"Sieg hat Österreich verändert"

Wiener Professor erklärt den plötzlichen Wandel einer "traumatisierten Nation"

Conchita am Song Contest © Bild: APA/ORF/MILENKO BADZIC

"Ich bin sehr froh darüber, wie sich Österreich durch den Sieg von Conchita Wurst verändert hat", unterstreicht Dean Vuletic. Der Historiker ist Australier und leitet seit 2013 am Institut für Osteuropäische Geschichten der Universität Wien das Forschungsprogramm "Eurovision: A History of Europe through Popular Music". In dieser Funktion referierte am Freitag bei der ESC-Konferenz in London.

THEMEN:

Dean Vuletic hat durch seine Arbeit Einblick in die österreichische Song-Contest-Seele, hält er an der Uni Wien doch auch eine Vorlesung, die er vor vier Jahren als erste reguläre Lehrveranstaltung zum Song Contest in New York aus der Taufe hob. "Österreich hat durch Conchita seine Einstellung zum Song Contest verändert", zeigte sich Vuletic im APA-Gespräch am Rande der Tagung in London überzeugt. "Als ich 2013 angekommen bin, haben immer alle gejammert, das sei alles nur ein Witz, und niemand würde je für Österreich stimmen. Ich habe dann immer gesagt: Österreich hat nach Deutschland die meisten Nachbarstaaten in Europa. Wie kann es da sein, das niemand für Euch stimmt?"

Österreichs Bürde der Geschichte

Insofern sei diese Haltung auch ein Symptom für die generelle Position des Landes gewesen: "Man hatte immer der Eindruck einer autistischen Nation - oder besser einer traumatisierten Nation, die die Bürde der Geschichte zu tragen hat." Er erinnere sich etwa an ein Gespräch mit einer Frau, die er gefragt habe, ob sie sich vorstellen könne, dass Österreich wie Dänemark beim ESC im Vorjahr für sich heuer mit dem Slogan als "glücklichstes Land der Welt" werben könnte. Ihre Antwort sei eindeutig ausgefallen: "Warum sollten wir sagen, dass wir glücklich sind?", so Vuletic: "Das zeigt, wie die Österreicher über sich selbst denken - und deshalb ist der Sieg im Vorjahr gut."