Benjamin Karl vor der Heim-WM:
Medaillen, Fans und neuer Boom

Erwartungshaltung bei Österreichs Nummer 1 ist groß - doch der Druck ist notwendig

von Benjamin Karl © Bild: Philip Platzer/Red Bull Content Pool

Zum ersten Mal seit 12 Jahren findet wieder eine Snowboard-WM in Österreich statt. Welche Erinnerungen verbindest du mit der WM am Kreischberg 2003?

Benjamin Karl: Ich habe mir als Bub die WM im Fernsehen angeschaut und kann mich gut an Sigi Grabners Sieg erinnern. Ich war davor schon in den Snowboard-Sport eingestiegen und dadurch erhielt ich meine Bestätigung, dass das wirklich geil ist und sich die Mühe lohnt, wenn man bei so einem Ereignis einmal dabei ist.

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Sigi Grabner hat es geschafft, bei seiner Heim-WM Gold zu holen. Viele erwarten selbiges von dir. Schon nach deiner Bronzemedaille bei Olympia in Sotschi hast du gesagt, ohne Druck könntest du gar nicht snowboarden. Optimale Voraussetzungen also?

Karl: Der Druck und die äußere und innere Anspannung gehören dazu. Wie man sich am Start aufwärmt, dass man bereit ist, wenn es los geht....Man braucht innere Spannung, um gute Leistungen zu bringen. Druck kann genau diese Spannungen aufbauen. Nur darf man sich vom Druck nicht überwältigen lassen. Das habe ich relativ gut im Griff. Vor mir liegt ein großes Ziel und das erreichen zu können, verschafft mir große innere Freude. Ich war immer schon einer, der für seine Ziele gekämpft hat.

»Man braucht innere Spannung, um gute Leistungen zu bringen«

Das Ziel heißt also ganz klar, wieder eine Medaille zu holen, wie man es von Dir bei den letzten fünf Großereignissen gewohnt war?

Karl: Ich bin in dieser Saison noch nicht aufs Stockerl gefahren und kann daher nicht versprechen, bei der WM zum Seriensieger zu werden. Das Ziel ist bei der WM mit einer Medaille beziehungsweise einem Weltmeistertitel auf jeden Fall gesteckt. Dazu könnte ich heuer zum erfolgreichsten Snowboarder aller Zeiten zu werden, wofür mir nur noch ein WM-Titel fehlen würde.

Benjamin Karl
© Markus Berger / Red Bull Content Pool Benjamin Karl steht im Fokus

Der beste Snowboarder aller Zeiten - mit einem Bandscheibenvorfall.

Karl: Ich habe schon vor einiger Zeit gemerkt, dass ich im linken Fuß weniger Kraft habe, die Zehen taub werden und die Feinmotorik eingeschränkt ist. Bei der letzten MR wurde diese Diagnose dann gestellt. Wir versuchen jetzt die Probleme mit Physiotherapie und Voltaren in den Griff zu bekommen. Ich denke weiter positiv und bin überzeugt, dass ich an die Leistungen der letzten Rennen anknüpfen kann.

Das Resümee des bisherigen Weltcups ist also trotz keines Podestplatzes positiv?

Karl: Die Ergebnisse waren nicht so schlecht. Ich bin – wenn man den Teamevent mitzählt – schon zwei Mal Vierter geworden. Das ist schon viel besser als im Vorjahr, wo ich mit Ausnahme von Olympia nie unter den Top Vier war. Ich spüre einfach, dass ich nicht so ungeduldig wie im letzten Jahr bin, wo ich dem Erfolg hinterher gehechtet habe. Heuer bin ich entspannt und gehe Schritt für Schritt meinen Weg zurück zur Spitze.

Wenn man sich den Renn-Kalender ansieht, fällt auf, dass ihr erst drei Weltcup-Stationen hinter euch habt, mit erst einem Parallel-Riesenslalom. Marcel Hirscher etwa fährt mit acht Weltcup-Slaloms in den Beinen zur WM. Stimmt da etwas nicht?

Karl: Wir haben die WM immer im Jänner, davor sind immer zwei bis vier Rennen. Das war nie anders und ist deshalb für mich nichts Besonderes. Wichtig ist es, die Formkurve so hinzubekommen, dass es für die WM passt. Dafür braucht es aber nicht nur Rennen sondern auch Trainings. Marcel hat ja in Sölden auch gleich gewonnen, ohne davor ein Rennen zu fahren. Man muss nicht in einen Rennrhythmus kommen, um gewinnen zu können. Das halte ich für Humbug.

»Man muss nicht in einen Rennrhythmus kommen, um gewinnen zu können. Das halte ich für Humbug«

Für die WM-Vorbereitung sicherlich hilfreich waren die Team-Events, von denen Du ja ein großer Befürworter bist.

Karl: Ich bin jetzt zwei dieser Bewerbe gefahren und muss sagen, es macht einen Riesen-Spaß. Es ist spannender, als sich das ein jeder von uns gedacht hat. Selbst wenn zwei Läufer pro Kurs am Start sind, werden Hundertstel-Entscheidungen ausgefahren. Ich hatte mir da eigentlich größere Abstände erwartet. Hundertstel-Duelle sind immer spannend, egal ob Team oder Einzel. Außerdem ist geteilte Freude doppelte Freude und geteiltes Leid halbes Leid. Von dem her kann man nur gewinnen.

Karl beim PGS in Gastein
© GEPA pictures/ Mathias Mandl Benjamin Karl beim Team-Bewerb in Bad Gastein

Apropos Freude: Worauf freust du dich bei der Heim-WM am meisten? Die Unterstützung von den Fans?

Karl: Die engste Familie, meine Mum und meine Frau Nina, ist ohnehin meistens dabei. Aber alle guten Freunde und die ganze Familie haben jetzt halt keine Ausrede mehr, nicht zu kommen. (lacht) Außer sie liegen im Krankenhaus.

Also erwartest du dir einen großen Benjamin-Karl-Fanclub?

Karl: Ja, aber nicht nur einen Benjamin-Karl-Fanclub, sondern insgesamt viele Fans, die kommen, um uns zuzuschauen. Cool ist ja auch, dass wir mit den Bewerben im Lachtal eigentlich eine eigene WM haben. Alle, die uns sehen wollen, müssen dorthin fahren. Alle, die dort sind, sind nur wegen uns hier.

Ist das auch der große Vorteil der Heim-WM für die rot-weiß-roten Läufer?

Karl: Es ist sicherlich ein Vorteil, einen 12. Mann wie im Fußball hinter uns zu haben. Die Fans werden uns anfeuern und die Daumen drücken, das hilft uns gewaltig. Darüber hinaus haben wir öfters am Hang trainiert, kennen die Tücken und Übergänge in jeder gesteckten Art und Weise. Jetzt fahren wir erneut ins Lachtal und fühlen uns so gleich heimisch.

Interessant ist, dass du unmittelbar vor der WM nach neun Jahren einen Materialwechsel vollzogen hast. Ist das nicht ein wenig riskant?

Karl: Eigentlich habe ich darüber schon Jahre nachgedacht und jetzt war es dann eben so weit. Innerhalb von zwei Tagen hat sich das für mich als Verbesserung herauskristallisiert, womit der Wechsel beschlossene Sache war. Es ist mehr oder weniger jedes Jahr ein Risiko, aber „No Risk, no Fun!“ und ohne Veränderung stagnierst du. Das hat man auch an meinen Erfolgen gesehen. Ich bin zu lange mein System gefahren und habe geglaubt, an der Spitze angelangt zu sein. Der Wechsel ist eine feine Sache, weil es für den Kopf gut ist und die Zusammenarbeit mit Kessler hervorragend läuft.

Über deine Ziele bei der WM haben wir gesprochen, wie sieht es mit dem Chancen deiner ÖSV-Kollegen aus?

Karl: Das ist eine der schwersten Fragen, weil ich das nicht einmal bei mir genau beziffern kann. Mir kommen alle recht entspannt vor und wir sind auch ein sehr starkes Team. Unser Cheftrainer Bernd Krug hat vor dem ersten Start in Carezza schon betont, wenn wir umsetzen, was wir in den Trainings zeigen, zerreißen wir heuer alles. Man hat das in den Rennen bisher noch nicht ganz sehen können, deshalb ist eine Prognose schwer zu treffen. Ich glaube, es kommt sehr auf die Bedingungen an. Wenn es sehr weich und wandlig ist, werden Lukas Mathies und Sebastan Kieslinger sehr stark sein.

»Wir sind ein sehr starkes Team«

Und wer sind die großen Favoriten?

Karl: Zan Kosir ist momentan sicher in einer brutalen Überform, ähnlich wie es Roland Fischnaller am Anfang der Saison war. Aber unschlagbar ist sicher niemand. Ich würde fast sagen, er ist so lange unschlagbar, bis ich wieder meine Form habe. (lacht) Nein, vom Speed her ist er schlagbar.

Benjamin Karl
© Markus Berger / Red Bull Content Pool

Schauen wir kurz zurück auf Olympia, wo es ja große Aufregung um Peter Schröcksnadel gegeben hat, der den Snowboardern nach den anfänglichen Enttäuschungen mangelnde Professionalität vorgeworfen hat. Eine Aussage, die Julia Dujmovits und du einen Tag später mit zwei Medaillen widerlegt habt.

Karl: (hakt ein) Und trotzdem sagt er jedes Mal, wenn wir uns treffen, da wäre mehr drinnen gewesen. Man kann Peter nicht verbiegen. Er hat eben heute noch dieselbe Meinung wie damals. Vielleicht versteht er ein Stück besser, warum wir nicht so arbeiten können wie die Skifahrer, weil uns Ressourcen fehlen. Er hat uns einen Arschtritt gegeben und seitdem reißt sich jeder möglicherweise etwas mehr zusammen. Vielleicht hat es ja etwas gebracht.

Wenn du als Routinier nun aber einen Blick zurück wirfst, wie würdest du die Entwicklung des Sports sehen, auch in punkto Professionalität?

Karl: Vor zehn Jahren gab es ein starkes Team, wobei bis auf Sigi Grabner nie jemand gewonnen und sich richtig gut vermarktet hat. Mittlerweile bin ich sein Nachfolger geworden, der sich ebenso zu vermarkten weiß, und eine Ahnung davon hat, was wichtig für den Sport ist. Dazu kommt aber, dass ich nicht der einzige Sieganwärter im Team bin. Bei uns gibt es drei, vier Fahrer, die um die vordersten Plätze mitfahren können. Das bringt eine andere Dichte und Medien-Aufmerksamkeit in den Bundesländern. Man sieht, dass die Richtung stimmt.

Und wenn wir den Bogen etwas weiter auf den Breitensport spannen, für den ihr ja als Vorbilder wirkt: Wie beurteilst du die Situation für Snowboarden, das ja nach dem großen Boom in den 90er Jahren mittlerweile im Vergleich mit Ski an Popularität verloren hat?

Karl: Ich sehe mich schon als Botschafter und Vorantreiber des Sports und setze mich in erster Linie fürs alpine Snowboarden ein, das ohnehin einen Schub braucht. Es gibt Personen, die brutal pushen. In Kärnten etwa sind es 40 junge Leute, die alpin snowboarden. Julias Olympiasieg war auch ein Glücksfall. Da ist ein richtiger Boom um ihre Person entstanden. Das ist die Tendenz, die wir auch bei der Heim-WM nützen können. Wenn wir wieder erfolgreich sind, passiert das gleiche noch einmal und dann sind das zwei Jahre, in denen die Menschen mehr von uns, unserer Sportart und unserer Persönlichkeit sehen. Dann setzt man sich auch lieber vor den Fernseher oder fährt zu den Rennen, weil man die Fahrer ja kennt und mit ihnen mitfiebern möchte. Diese Entwicklung ist grandios und ich deshalb hoffe ich, dass uns das noch einmal gelingt.

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