Wenn Fiktion zur Realität wird:
Die Geschichte von Quidditch

Aus den Büchern von Joanne K. Rowling über die Universitäten hinaus in die Sportwelt

von Quidditch © Bild: imago/Xinhua

Für all diejenigen, die Harry Potter nicht als Pflichtlektüre verschlungen haben, sei kurz erklärt: Ein "Muggle" (deutsch auch "Muggel" geschrieben) ist jemand, dem Zauberkräfte fehlen, sprich: ein normaler Mensch. Dass aber auch Nicht-Magier den Sport der Zauberer ausüben können, ist einigen Pionieren des Middlebury College im US-amerikanischen Bundesstaat Vermont zu verdanken.

Im Jahr 2005 ersannen die beiden Studenten Xander Manshel und Alex Benepe die "Real-Life-Version" der eigentlich fiktiven Sportart und begannen, auf dem Campus erste Begegnungen zu veranstalten. Zwei Jahre später kam es zum ersten Vergleich mit anderen Universitäten, 2008 folgte dann die erste Weltmeisterschaft mit einem Team aus Kanada. In den USA vor allem in Akademikerkreisen weit verbreitet, schwappte die Quidditch-Welle auch auf andere Kontinente über. So sind heute über 300 Mannschaften aus über 20 Ländern - darunter Österreich - registriert, alle vereinigt in der IQA, der International Quidditch Association.

Quidditch-Logo
© EMMANUEL DUNAND/AFP/Getty Images Regelrichter am Pult mit dem Logo des Quidditch-Verbands

Was ist Quidditch überhaupt?

So viel zur infrastrukturellen Verbreitung. Um das gelesene Sportvergnügen auch in der realen Welt umzusetzen, benötigte es allerdings klare Regeln und idealerweise solche, die von Menschen ohne Zauberkräfte auch befolgt werden können. Der fliegende Besen musste also einem handelsüblichen Kehrgerät weichen. Aus dem Snitch, einem goldenen Ball mit Flügeln, wurde ein echter Mensch im knalligen Trikot, den es für 30 Zusatzpunkte zu fangen gilt.

Daneben gibt es zwei Teams, aufgeteilt in "Chaser" und "Beater", sowie zwei Arten von Bällen, den "Quaffle" und die "Bludger". Mit ersterem können Punkte erzielt werden, mit letzteren versuchen die "Beater" die gegnerischen "Chaser" abzuschießen. Klingt verwirrend? Ist es vermutlich zu Beginn auch. Christoph Döberl, Gründungsmitglied von Quidditch Austria, versucht den Sport gegenüber NEWS.AT zu beschreiben: "Es ist eine abwechslungsreiche Kontaktsportart, welche Elemente von Fangen, Handball, Rugby und Völkerball vereint." Angus Barry, ein englischer Pionier, fasste das Spielprinzip im Gespräch mit der deutschen "Zeit" noch einfacher zusammen: "Quidditch ist wie Rugby, nur mit Besen".

Quidditch-Spiel
© FRANCOIS GUILLOT/AFP/Getty Images Rugby trifft Völkerball trifft Handball

Nichts für Weicheier

Der ehemalige Kapitän des Oxford Quidditch Teams spricht mit seiner Definition einen Punkt deutlich an. Quidditch ist keineswegs eine lockere Outdoor-Aktivität für Bücherwürmer, Quidditch ist ein harter Sport. Zusammenstöße der Spieler gehören ebenso dazu wie ungewollte Schläge mit dem Besen, der beim Laufen stets zwischen den Beinen geführt werden muss. Eine Tatsache, die auch Döberl nicht leugnen kann. "Bei Harry Potter ist oft die Rede von schweren Stürzen und Brüchen, was bei uns zum Glück nicht ganz der Fall ist. Trotzdem kann es härter als in so manch anderen Sportarten zugehen."

Allzu ernst sollte der Sport dennoch nicht genommen werden, denn das Vergnügen stand seit den Gründungstagen im Vordergrund. "Quidditch macht einfach Spaß", lautet der Tenor jener Aktiven, die sich darin bereits versucht haben. Und nicht nur das. "Die vielen unterschiedlichen taktischen Ebenen des Sports machen es auch für passive Besucher zum Erlebnis", ergänzt Peter Ortner von Quidditch Austria.

Die ersten Schritte in Österreich

Die Geschichte des Sports in Österreich begann übrigens mit einem Quidditch-Turnier im Mai letzten Jahres, veranstaltet von Studenten der FH Hagenberg als Rahmenprogramm zum alljährlichen Sommerfest. "Trotz des strömenden Regens waren die teilnehmenden Spieler hochmotiviert und das Turnier ein voller Erfolg", erinnert sich Ortner und führt weiter aus: "Im Oktober hat sich dann eine weitere Gruppe Quidditch Interessierter in Wien gebildet, welche mit uns in Hagenberg nun schon das zweite Standbein des nationalen Dachverbands bilden."

Quidditch in Hagenberg
© QAT In Hagenberg wurde mit Schaumstoff-Nudeln statt Besen gespielt

Der Weg bis hin zu Wettkämpfen in den Dimensionen amerikanischer Universitäten ist noch weit, große Ambitionen von Quidditch Austria sind aber vorhanden. Neben einem Turnier im Sommer wird die Etablierung einer Nationalliga angestrebt. Die Teilnahme einer österreichischen Delegation am European Quidditch Cup am 17. April im englischen Oxford ist bereits fixiert.

Kein schlechter Werdegang für die in diesen Landen noch junge Sportart, die ihren Ausgang in einem feucht fröhlichen Fernsehabend hatte, wie Christoph Döberl mit einem Lächeln zugibt. Allerdings sah man sich nicht zusammen Harry Potter an, wie man vielleicht vermuten würde, sondern "The Internship" (Deutsch: Prakti.com). "Erst dieser Film zeigte uns, dass es auch für einen "Muggle" möglich ist, Quidditch zu spielen. Gelobt sei Hollywood...

Alle Infos zu Quidditch in Österreich gibt es hier.

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