Skifahren: Sekunde entscheidet
oft zwischen Glück und Koma

Das Drama um Schumacher und die Wahrheit über den Ski-Irrsinn in Österreich

In diesem Winter starben bereits acht Sportler auf unseren Pisten. Pro Saison verletzen sich 28.500 Menschen beim Carven. Riskieren wir beim Skifahren zuviel?

von Wintersport - Skifahren: Sekunde entscheidet
oft zwischen Glück und Koma © Bild: © Corbis. All Rights Reserved.

Michael Schumacher ist 18 Jahre Formel 1 gefahren. Er ist darauf trainiert, Risiken einzuschätzen, bei Überholmanövern von 350 Stundenkilometern einen kühlen Kopf zu bewahren. Michael Schumacher ist einer, der jede Rennstrecke exzessive auslotete, der jede Schraube seines Boliden studierte. Den Hang am 2.783 Meter hohen Saulire in Frankreich ist der siebenfache Formel-1-Weltmeister, der in der Nähe ein Chalet besitzt, wahrscheinlich öfter gefahren als manche Formel-1-Rennstrecke. Dazu ist der 45-Jährige ein geübter Skifahrer, als Ex-Spitzensportler in körperlicher Top-Verfassung. Als er am 29. Dezember 2013 gegen 11 Uhr in den schmalen Streifen zwischen zwei gekennzeichneten Pisten einfährt, fühlt er sich sicher.

Die Felsen kann Schumacher nicht sehen. Sie sind unter einer dünnen Schneedecke verborgen. Der Deutsche hat zuvor einem gestürzten Freund auf die Beine geholfen, ist nicht all zu schnell. Den Mann, der in seiner sportlichen Karriere stets den Tod einkalkulieren musste, ereilt das Schicksal bei einem Carvingschwung. Er verkantet an einem Felsen, kommt zu Sturz und prallt mit dem Kopf hart auf einen weiteren Felsbrocken. Trotz Helm erleidet er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma.

Weltweit bangen die Menschen um sein Leben. Sie stellen sich aber auch die Frage: Wie gefährlich ist der Skisport? Wie groß ist das Risiko, das wir auf der Piste eingehen? Fakt ist: Oft entscheidet eine Sekunde zwischen Glück und Koma.

Acht Tote auf Österreichs Pisten.

Acht Menschen ließen laut Österreichischem Kuratorium für Alpine Sicherheit seit November ihr Leben auf den heimischen Pisten. Die Schicksale.

* 23. November, Hintertux, Tirol: Ein 77-jähriger Skiurlauber aus Deutschland fährt bei Nebel über den Pistenrand hinaus und stürzt rund 60 Meter ab. Trotz Reanimation durch das Rettungshubschrauber-Team stirbt der Schwerverletzte.

* 21. Dezember, Schmittenhöhe, Salzburg: Ein 53-jähriger Ungar bricht bei der Abfahrt zusammen. Trotz sofortiger Wiederbelebungsmaßnahmen stirbt der Mann noch auf der Piste. Vermutet wird ein Herz-Kreislauf-Versagen.

* 22. Dezember, Kleinarl, Salzburg: Ein 23-jähriger Deutscher stürzt über eine Geländekante und prallt gegen eine Hinweistafel aus Holz. Der Mann, der einen Helm trägt, bricht sich dabei das Genick.

* 23. Dezember, Ischgl, Tirol: Ein Deutscher (74) erleidet auf dem Skilift eine Herzattacke. Wiederbelebungsmaßnahmen auf der Bergstation sind erfolglos.

* 26. Dezember, Donnersbachwald, Steiermark: Eine Gruppe Skifahrer carvt nach Einbruch der Dunkelheit ins Tal. Unten angekommen bemerken sie das Fehlen eines 33-jährigen Niederösterreichers und leiten eine Suchaktion ein. Als der Mann gefunden wird, ist er bereits tot. Er war gegen einen Baum geprallt.

* 27. Dezember, Tauplitz, Steiermark: Ein 15-jähriger Holländer kracht bei der Abfahrt gegen einen Baum und zieht sich innere Verletzungen sowie ein Schädelhirntrauma zu. Zwei Tage später stirbt er. Einen Helm hat er nicht getragen.

* 1. Jänner, Zell am See, Salzburg: Ein holländischer Skilehrer fährt um 23.30 Uhr alleine von der Alm ins Tal. Tags darauf wird der 18-Jährige im unwegsamen Gelände tot in einem Bachbett gefunden.

* 1. Jänner, Weißpriach, Salzburg: Ein 55-jähriger Steirer bricht beim Skifahren tot zusammen. Ursache: Herzversagen.

Dazu kommen mehrere Lawinen- Tote, die in der Statistik nicht erfasst sind. Die Opfer waren im freien Gelände unterwegs.

28.500 Skiunfälle im Jahr.

Experten des Österreichischen Skiverbandes schätzen, dass es 28.500 Ski-Unfälle pro Winter gibt. 27 Menschen kamen in der Saison 2012/13 auf Österreichs Pisten ums Leben - bei rund 558 Millionen Talabfahrten. "Das sogenannte ‚Schlachtfeld Piste’ gibt es aber nicht mehr“, sagt Alois Schranz, Leiter der "MedAlp“-Klinik Imst. "Es passieren auch immer weniger Kollisionen.“

Bei Todesfällen sowie Verletzungen mit Verdacht auf Fremdverschulden ermittelt die Polizei. Das sind in der aktuellen Saison 868 Fälle. Das überraschende Ergebnis: Bei 88 Prozent der Skiverletzungen ist der Sportler selbst schuld.

Was also bleibt, ist die Frage der Eigenverantwortung. Hat Michael Schumacher zu viel riskiert? Riskieren WIR beim Skifahren zuviel?

NEWS macht den Lokalaugenschein in der "MedAlp“ Imst, einem Tiroler Privat-Spital inmitten der Skigebiete Ischgl, Sölden und Pitztal.

Verletzte im Minutentakt.

Freitag Nachmittag, 15 Uhr. Im Warteraum der Ambulanz sind alle Stühle besetzt. Im Minutentakt werden neue Patienten von Sanitätern auf Tragen durch die Gänge geschoben. Noch mit der Skibrille auf dem Kopf, kommen sie direkt von der Piste. Sie wurden mit dem Helikopter, Rettung und Privatfahrzeug eingeliefert.

Auch Sabine Hoppelshäuser wartet auf ihre Behandlung. Die 48-jährige Deutsche sitzt in einem Rollstuhl, das linke Bein hochgelagert. Ihr Knöchel ist gebrochen. Wenn sie spricht, stöhnt sie vor Schmerzen: "Ich habe sogar das Knacksen im Skischuh gehört“, sagt sie. "Hügel übersehen, mit dem Ski irgendwie verheddert und dann blöd gestürzt. Ich ärgere mich ungemein.“

An diesem Tag werden an die 150 Pistenverletzte in die Klinik gebracht - fast ein Viertel davon muss unters Messer. "Die Nacht wird durchoperiert“, sagt Schranz, während er den Knöchel der Skitouristin betastet. Gegipst wird selten. Bei Bänder- und Knochenverletzungen wird schnellst möglich operiert. Sabine Hoppelshäuser ist heute Nacht an der Reihe, schon am nächsten Morgen soll sie entlassen werden.

Schlecht vorbereitet auf die Piste.

Anton Wicker ist Vorstand der Universitätsklinik für Physikalische Medizin in Salzburg, Sportwissenschafter und diplomierter Skilehrer. "Im Vergleich zu den Millionen Skitagen ist das Risiko einer Verletzung oder gar eines tödlichen Unfalls beim Skifahren sehr gering“, sagt er. Ein Grund: Seit dem fatalen Zusammenstoß des früheren thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus mit einer Skifahrerin, die dabei ums Leben kam (siehe Spalte links), sind die Verkaufszahlen für Helme sprunghaft angestiegen. Mehr als 90 Prozent der Skifahrer fahren nicht mehr ohne Kopfschutz. Michael Schumacher trug nicht nur einen Helm, auch diverse Protektoren.

Professionellere Pistenpräparierungen und feiner abgestimmte Bindungen tun ihr Übriges. "Der Carving-Ski ist zudem viel sicherer als der frühere Alpin-Ski“, betont Wicker. über einen Zeitraum von zehn Jahren haben die Unfälle so um 50 Prozent abgenommen, besagt eine Statistik vom ÖSV, der Sportuniversität Innsbruck, der AUVA sowie dem Kuratorium für Alpine Sicherheit.

Die Restrisiken blieben über die Jahre jedoch immer dieselben, wie Wicker bestätigt. Gerade bei Skiurlauben besteht die Gefahr, dass sehr viele in schlecht trainiertem Zustand auf die Piste gehen. Und dann die teure Skikarte in vollem Umfang ausnützen wollen. "Dabei sind viele körperlich überfordert“, sagt Wicker. Je schlechter der physische und psychische Zustand, desto höher das Risiko einer falschen Reaktion. Vor allem junge Burschen und Männer um die 50, so seine Erfahrung, neigen dazu, sich zu überschätzen.Alkohol so Wicker, sei natürlich auch ein Problem, aber ein geringeres als oft angenommen.

Ein einziger Augenblick entscheidet.

Auch Sabine Hoppelshäuser übt Selbstkritik. "Es war der letzte Tag, die letzte Abfahrt. Ich war schon ein bisschen müde, wir wollten deswegen früh zurück ins Hotel.“ Die ambitionierte Ski-Anfängerin hat schlichtweg die Bedingungen unter- und ihr Können überschätzt.

Sie wird um 5.30 Uhr operiert. Am Morgen geht es ihr gut, der Eingriff verlief ohne Komplikationen. "Der Schockmoment war da. Ich habe gesehen, wie schnell etwas passieren kann. Ich bin aber froh, dass ich so gut und professionell behandelt wurde“, sagt sie.

Die Schlagzeilen rund um das Drama von Michael Schumacher treffen Sabine Hoppelshäuser umso mehr, als sie das Glück hatte, das Schumacher verwehrt blieb. Beide stürzten ähnlich. Sie fuhr gegen einen Hügel, er gegen einen Felsen. Bei beiden entschied nur ein kurzer Augenblick, ein unachtsamer Moment. Hatte sie nur Glück und er Unglück? Für diesen Faktor gibt es keine Statistik. Schumacher sagte einst selbst: "Wenn mir eines Tages etwas zustoßen sollte, ist das Schicksal.“

Kommentare

Was haben Herzattacke und Herz-Kreislauf-Versagen mit Schiunfällen zu tun?
Das kann überall passieren! Ein bißchen mehr Sorgfalt bei den Beispielen wäre schön!

skifahren war auch früher schon gefährlich-jedes jahr kam 1 kamerad mit nem bruch ausm winterurlaub-heute darf man nicht vergessen, dass die ski um einiges schneller sind, die menschn noch risikobereiter und unfälle passieren halt. egal ob rennfahrer oder kellner, jeder unfall ist tragisch und leute sollten schon auf den gekennzeichneten bleiben-auf ner autobahn darfst ja auch net mal schnell in den acker daneben reinrauschen...

Nicolay melden

Es gab eben einen Grund, warum dieser "schmale Streifen" nicht als Piste gekennzeichnet war. Punkt. Es gibt schon genug Gefahren auf der tatsächlichen Piste.

ZmaBo melden

So ist es... er hat dort nichts verloren.
Selbst schuld... PUNKT!

Ausserdem, was für ein Tra-ra.... er ist auch nur einer von uns vielen, und geht auch nur Kacken.

Es verletzen bzw. sterben sicher 100te pro Jahr, er ist nur einer von vielen.
Aber um die anderen redet niemand.

Verrückte Welt.

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