Situation in Ägypten gerät außer Kontrolle:
Kämpfe zwischen Militär und Demonstranten

Kairo: Zentrale der Regierungspartei in Brand gesetzt Mubarak lässt Panzer in Kairo und Suez auffahren<br>Friedensnobelpreisträger ElBaradei unter Hausarrest

In Ägypten sind die Proteste gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak am Freitag eskaliert. Allein in Suez östlich der ägyptischen Hauptstadt Kairo sollen nach Angaben von Ärzten mindestens 13 Menschen getötet worden sein. Aufgebrachte Demonstranten zündeten Fernsehbildern zufolge den Sitz der Regierungspartei in Kairo an, zuvor brannte bereits in Alexandria der Sitz des dortigen Gouverneurs. Mubarak, dessen Rücktritt hunderttausende Menschen forderten, sprach eine nächtliche Ausgangssperre auf die Städte Kairo, Alexandria und Suez aus.

Der 82-jährige Mubarak wies die Armee an, die Polizei zu unterstützen, um die "Sicherheit und den Schutz öffentlichen und privaten Eigentums zu gewährleisten". Die Demonstranten trotzten der nächtlichen Ausgangssperre. Es kam zu Plünderungen und Brandstiftungen.

Ein junger Demonstrant sagte im TV-Sender Al-Arabiya, er habe gesehen, wie Männer Geschäfte im bürgerlichen Stadtteil Mohandesien geplündert hätten. Kein Polizist und kein Soldat habe sie daran gehindert. Ein Restaurantbesitzer sagte: "Dieses Chaos wird den gebildeten jungen Leuten, die ihre Demos per Internet organisiert haben, eine Lehre sein. Jetzt haben sie den plündernden Mob auf die Straßen geholt, das ist sicher nicht das, was sie wollten."

Internet und Mobilnetze lahmgelegt
Der Telekommunikationskonzern Vodafone teilte mit, alle Mobilfunkunternehmen seien angewiesen worden, ihre Dienste landesweit auszusetzen. Die Internet-Verbindungen waren praktisch komplett lahmgelegt.

Das österreichische Außenministerium erließ eine Reisewarnung für ganz Ägypten. Insbesondere am kommenden Wochenende würden in zahlreichen Städten Ägyptens weitere Großdemonstrationen erwartet. Bundeskanzler Werner Faymann rief zur Besonnenheit und Beendigung der Gewalt auf.

Die staatliche ägyptische Fluggesellschaft Egypt Air teilte mit, dass sie ihren Flugbetrieb von 21.00 Uhr Ortszeit (20.00 MEZ) an für zwölf Stunden einstellen wird. Zur Begründung sagte ein Mitarbeiter der Firma am Internationalen Flughafen Kairo, wegen der nächtlichen Ausgangssperre seien viele Reisende am Flughafen nicht abgeholt worden. Sie warteten nun bis zum Morgen in einer Halle am Flughafen. Außerdem seien viele Menschen, die Flüge von Kairo ins Ausland gebucht hätten, aus dem selben Grund nicht zum Einchecken am Flughafen erschienen.

Straßenschlachten
Landesweit gingen hunderttausende Menschen nach dem Freitagsgebet auf die Straßen und lieferten sich teils schwere Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. Viele Demonstranten warfen Steine, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen sie ein. Im Zentrum der Hauptstadt Kairo wurden hunderte Menschen bei Ausschreitungen verletzt. Bei Zusammenstößen mit der Polizei in Suez östlich von Kairo wurde laut Augenzeugen zudem ein Taxifahrer erschossen.

Bei der Protestwelle - inspiriert durch den Sturz des tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali vor knapp zwei Wochen - waren bis zum Freitag fünf Menschen ums Leben gekommen. Experten zufolge könnte das politische Schicksal des 82-jährigen Präsidenten am Ende von der Armee abhängen. Ägypten hat mit mehr als 460.000 Soldaten die zehntgrößten Streitmacht der Welt. Es waren Offiziere, die 1952 die Monarchie stürzten; seitdem kamen alle vier Präsidenten aus ihren Reihen. Die Armee schlug 1977 einen Aufstand nieder und wurde 1986 eingesetzt, als ein Protest der Polizei gegen niedrige Löhne in Gewalt umschlug. Bei den Demonstrationen der vergangenen Tage hatte sich das Militär zurückgehalten, ehe am Freitag dann Panzer auffuhren.

ElBaradei unter Protestanten
An den Protesten nahm erstmals auch der Oppositionelle Mohamed ElBaradei teil. Im Anschluss an ein Freitagsgebet vor einer Moschee in Kairo riefen Teilnehmer lautstark "Nieder mit Mubarak", die Polizei ging mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas gegen sie vor. ElBaradei flüchtete sich in die Moschee, aus der er nicht mehr heraus durfte. Er forderte ein Ende von Gewalt, Verhaftungen und Folter durch die Sicherheitskräfte.

Die USA kritisierten das Vorgehen der Behörden und warnten vor einer Eskalation. Die Regierung müsse "alles tun, damit die Sicherheitskräfte Zurückhaltung üben", sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. "Wir sind zutiefst besorgt über die Gewalt der Polizei und der Sicherheitskräfte." Präsidentensprecher Robert Gibbs forderte über den Online-Kurzbotschaftendienst Twitter die Aufhebung der Blockade des Internets und sozialer Netzwerke.

(apa/red)

Kommentare

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Mubarak Würden die Amis nicht die Hand drauf halten, wäre Mubarak schon längst verjagt worden.

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Re: Mubarak Chance oder Gefahr für die ganzen Nahen, Mittleren Osten und Nordafrika? Die Zeit wirds zeigen...

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Re: Mubarak Bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, derzeit sind die Amis und noch mehr die Europäer etwas in Verlegenheit geraten, nachdem sie jahrezehnte lang diese Despoten unterstützt und an der Macht gehalten haben. Die Amis sind vorsichtig und die EU schweigt, und schweigt, und schweigt.....tja, auf welche Seite soll man sich bloß stellen, um nicht blöd dazustehn und sich trotzdem weiterhin Vorteile zu sichern?? Typisch.

Und für Israel wird\'s langsam auch haarig. Wird a spannende Gschicht das Ganze. Mal schaun.

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