von

Single-Republik

1,5 Millionen Österreicher sind Single - ein Gutteil davon unfreiwillig - NEWS.AT fragt nach

© Video: NEWS.AT

1,5 Millionen Österreicher sind Single, ein Gutteil unfreiwillig, mehr als die Hälfte schon mehr als drei Jahre. Anpassung war gestern, ein zunehmender Individualismus – und folglich Egoismus – hat als berufliche Überlebensstrategie Platz gegriffen. Und der ist verinnerlicht, den kann man nach Dienstschluss nicht einfach ablegen wie Sakko und Krawatte. „Früher gab es in unserer Gesellschaft ritualisierte Anpassungsstrategien, etwa durch Kirche, Familie oder Vereine“, erklärt der Hamburger Psychologieprofessor Hugo Schmale, Erfinder und Gründervater von Europas größter Internet- Partnerbörse Parship. Doch nun entstehe eine zunehmende Vereinsamung dadurch, dass diese Rituale keine Bedeutung mehr hätten.

Stattdessen sei ein Global Village entstanden, das zwar ökonomisch Sinn mache, den Einzelmenschen aber brutal verunsichere. Schmale: „Wir haben eine Freiheit ohne Grenzen – und die macht uns Angst. Und aus dieser Angst entsteht die Vereinzelung.“ Und wie! Allein in der Altersgruppe der 18- bis 68-Jährigen sind 1,4 Millionen Österreicherinnen und Österreicher laut Eigendefinition Single. Das heißt: Jeder vierte Österreicher bezeichnet sich selbst als alleinstehend. Und das nicht nur vorübergehend. Mehr als die Hälfte aller Austro-Solisten ist bereits seit mehr als drei Jahren partnerlos.

Zentrum der Single-Republik
Zentrum der Single-Republik ist der Schmelztiegel Wien, wo sogar jeder Dritte alleine lebt. Im katholisch geprägten Vorarlberg (16 Prozent) sowie im ländlich strukturierten Oberösterreich (11 Prozent) nehmen sich die Single-Quoten vergleichsweise bescheiden aus.

Freies Land, freie Lebensentscheidung, könnte man nun beschwichtigen. Ja, und überhaupt: Mit dem Bedeutungsverlust traditioneller Familienund Partnerschaftsmodelle hätten sich eben verstärkt alternative Lebensformen entwickelt. Doch das wäre zu kurz gegriffen, denn: In anonymen Befragungen geben zwei Drittel aller österreichischen Singles zu, unfreiwillig alleine zu sein. Verborgene Werte. Die Kluft zwischen der zeitgeistigen Außendarstellung und dem zeitlosen Bedürfnis nach Nähe, sie wird immer größer.

Wunsch nach Partnerschaft ungebrochen
„Auch wenn sich das Single-Dasein zur gesellschaftlich akzeptierten Lebensform entwickelt hat – bei allen Tendenzen zur Individualisierung ist der Wunsch nach Partnerschaft, nach Erfüllung des romantischen Ideals, ungebrochen“, sagt Christiane Schnabel. Und sie muss es wissen, denn sie lebt ziemlich komfortabel von diesem Ideal. Die Psychologin ist wissenschaftliche Leiterin von Parship. Zehn Millionen suchende Singles aus allen Teilen des Kontinents sind derzeit im Hamburger Zentralrechner registriert, darunter gut und gerne 300.000 Österreicherinnen und Österreicher. Man stelle sich nur vor: die gesamte Einwohnerzahl von Graz und Klagenfurt, zur selben Zeit online in der Partnerschafts- Offensive! Ja mehr noch: Addiert man die User der boomenden Partnerschafts- Plattformen und virtuellen Kontaktanzeigen- Marktplätze, so sind es gut 700.000 Österreicher, die sich zumindest einmal pro Monat in Single-Börsen einloggen.

Dementsprechend ausgeprägt ist die Goldgräberstimmung in der Branche, pro Jahr werden mit Online-Dating hierzulande bereits 15 Millionen Euro umgesetzt. Eine Flucht in die Weiten des Netzes, eine verschämte Problemverlagerung in die Virtualität? „Auf jeden Fall“, ist Familienpsychologin Karin Alt überzeugt. „Einsamkeit hat sich längst zu einer verdrängten Volkskrankheit entwickelt. Ich habe immer mehr Klienten, die sich selbst ein Burnout infolge beruflicher Überlastung vorgaukeln, weil sie sich ihre Einsamkeit nicht einmal selbst eingestehen wollen.“

Lesen Sie noch mehr zum Thema im NEWS 28/11!