"Sind nicht bei WM, um ins Halbfinale zu kommen": Niederländer heiß auf den Titel

Oft kritisierter Bondscoach Bert Van Marwijk gefeiert Stürmer Kuyt: "Wir wollen mehr. Wir wollen alles"

 "Sind nicht bei WM, um ins Halbfinale zu kommen": Niederländer heiß auf den Titel © Bild: Reuters

Nach dem historischen Sieg im WM-Viertelfinale gegen Brasilien träumen die Niederlande vom ganz großen Coup. "Wir sind nicht zur WM gekommen, um ins Halbfinale zu kommen", sagte Arjen Robben nach dem denkwürdigen 2:1 gegen den Rekordweltmeister, mit dem die "Elftal" ihren Ruf des ewig Gescheiterten ablegte. Im Fokus der medialen Lobeshymnen stand besonders jener Mann, der sich in Südafrika drei Wochen lang Tag für Tag anhören musste, seine Mannschaft spiele keinen schönen Fußball: Bondscoach Bert van Marwijk.

"Das ist vielleicht der schönste Sieg als Trainer. Mit Feyenoord habe ich den UEFA-Cup gewonnen, aber das hier ist schon sehr groß", sagte der 58-Jährige, der gegen die Südamerikaner sein Meisterstück als niederländischer Nationaltrainer abgelegt hatte. Die "Oranjes" hatten sich ein weiteres Mal bei diesem Turnier ungeheuer effizient gezeigt und träumen jetzt umso mehr von ihrem ersten WM-Titel. Nun wartet im Semifinale in Kapstadt einmal Uruguay.

"Brotlose Kunst" ade
Als bisherige WM-Bestmarken stehen für die Niederlande die zweiten Plätze von 1974 und 1978 (unter Teamchef Ernst Happel) zu Buche. Als Mitfavorit in die Turniere gestartet, mussten sie sich oftmals auf bittere Weise frühzeitig verabschieden. Schön gespielt, schön verloren, hieß es dann. Die Niederlande wurden zum Synonym für den Begriff "brotlose Kunst". Möglicherweise steht nun Bert van Marwijk am Anfang einer Wende.

45 Minuten lang wurden die Niederländer von erstmals überzeugend auftretenden Brasilianern nahezu vorgeführt. Doch Van Marwijk behielt kühlen Kopf, schwor sein in den vergangenen Jahren gewachsenes Team in der Pause neu ein und wurde belohnt. Ein Eigentor von Felipe Melo (53.) und ein Kopfballtor des nur 1,70 m großen Wesley Sneijder (68.) - das erst zweite seiner Karriere - drehten die Partie zugunsten des Europameisters von 1988.

"Der Schwung eines Weltmeisters"
"Oranje zeigt den Schwung eines Weltmeisters", urteilte das "Allgemeen Dagblad" und "De Telegraaf" jubelte über das "Wunder von Port Elizabeth": "Bondscoach Bert van Marwijk ist nur noch zwei Siege von der Erfüllung seiner Mission entfernt: Weltmeister werden!" Seit 24 Länderspielen sind die Niederländer bereits ungeschlagen. Das letzte Negativerlebnis datiert von 6. September 2008, einem 1:2 gegen Australien im zweiten Spiel unter Van Marwijk.

Seit dieser die Niederländer nach der EURO 2008 von seinem glücklosen Vorgänger Marco van Basten übernommen hat, hat das mit Stars gespickte Team eine erstaunliche Entwicklung erlebt. Früher als glücklose Ballzauberer verspottet, zeigen die "Oranjes" jetzt jene Tugenden, die einen Weltmeister ausmachen. Weiter spielstark, aber vor allem kampfkräftig, gut organisiert und mit festem Glauben in die eigene Stärken.

"Ich habe vom ersten Tag an gesagt, wir haben eine Mission: Weltmeister werden", meinte Van Marwijk, der sich nach dem Schlusspfiff minutenlang mit Co-Trainer Frank de Boer in den Armen gelegen war. "Ich bin oft ausgelacht worden, aber heute haben wir einen wichtigen Schritt in Richtung Erfüllung unserer Mission gemacht."

"Wir wollen mehr. Wir wollen alles"
Dass Van Marwijk dabei auf keine personell großen Umwälzungen setzte, verdeutlicht ein Blick auf das Spielerblankett. Vom Achtelfinal-Aus gegen Portugal 2006 standen gegen Brasilien noch sieben Kicker von Beginn an auf dem Spielfeld. Einer davon, Dirk Kuyt, war mit Blick auf den kommenden Gegner Uruguay bereits hoffnungsvoll: "In dieser Gruppe steckt so viel. Wir wollen mehr. Wir wollen alles."

Gegen die Südamerikaner nicht mit dabei sind die gesperrten Gregory van der Wiel und Nigel de Jong. Wieder einlaufen soll in Kapstadt Innenverteidiger Joris Mathijsen, der gegen Brasilien kurz vor Anpfiff wegen Knieproblemen hatte passen müssen. "Ich denke, die drei Tage Ruhe werden reichen", meinte der Profi vom Hamburger SV, der sich Samstag nochmals genauer untersuchen lassen wollte.

(apa/red)