Sind Charakterzüge aus dem Blut ablesbar?
Ganz Japan derzeit in Blutgruppen-Hysterie

Zugehörigkeit zu Bluttyp gibt Auskunft über Intimes Arbeitgeber und Politiker vertrauen auf Blutgruppen

Sind Charakterzüge aus dem Blut ablesbar?
Ganz Japan derzeit in Blutgruppen-Hysterie © Bild: APA

Eine Frage beherrscht derzeit Japan bei allen Gelegenheiten: "Zu welcher Gruppe gehören Sie?", heißt es auf Partys, im Bewerbungsgespräch, beim Flirt oder im Kaufhaus. Die Antwort sollte man sich gut überlegen, denn hier geht es weder um Berufsgruppe noch um Einkommens-, Sport- oder Altersgruppe. Die Neugierde gilt einzig und allein der Blutgruppe. Denn daraus lassen sich - so die Überzeugung vieler Japaner - intimste Details zur Persönlichkeit ableiten.

Im vergangenen Jahr enthüllten vier der zehn meistverkauften Bücher ihren Lesern, was die Blutgruppe eines Menschen über seinen Charakter verrät. Insgesamt verkaufte die Serie - mit jeweils einem Band für die Gruppen A, B, AB und 0 - über fünf Millionen Exemplare.

Taku Kabeya, Geschäftsführer des Verlags Bungeisha, führt den Erfolg der Reihe darauf zurück, dass die Leser ihr Selbstbild bestätigen, wenn sie bestimmte Charakterzüge von sich selbst oder von anderen bei der Lektüre wiedererkennen. Demnach sind Menschen mit Blutgruppe A empfindsame Perfektionisten, allerdings etwas ängstlich. Typ B tendiert zur Frohnatur, ist aber gleichzeitig exzentrisch und egoistisch. Fließt die Blut der Gruppe 0 durch die Adern eines Menschen, so ist dieser neugierig und großzügig, aber stur. Und AB-Träger sind geheimnisvoll und unberechenbar.

Kein billiger Hokuspokus?
Hierzulande mögen solche Pauschalurteile nach billigem Hokuspokus klingen. In Japan dagegen macht die Begeisterung selbst vor höchsten Regierungsämtern nicht halt. Ministerpräsident Taro Aso enthüllt auf seiner offiziellen Internetseite nicht ohne Stolz, das er der Blutgruppe A angehört. Sein Rivale Oppositionsführer Ichiro Ozawa verkündete dagegen, er trage den Typ B.

Selbst die Spielekonsole Nintendo DS berücksichtigt inzwischen in einem Spiel die Blutgruppe, und in Kaufhäusern können Frauen sich "Glückstaschen" kaufen, deren Inhalt speziell auf ihr Blutprofil zugeschnitten ist. Kontaktbörsen achten bei der Partnervermittlung auf kompatible Blutgruppen, und Unternehmen machen das Einsatzgebiet ihrer Angestellten vom jeweiligen Typus abhängig. Manche Kindergärten teilen die Buben und Mädchen inzwischen nach Blut in Gruppen auf, und das japanische Softball-Team der Frauen orientierte die Trainingsprogramme der Athletinnen an dem Körpersaft - offensichtlich mit Erfolg, die Mannschaft holte in Peking Gold.

Arbeitgeber vertrauen auf Blutgruppen
Aber die Hysterie nimmt zunehmend bedenkliche Formen an. Schon ist die Rede von "Bura Hara", der Blutgruppen-Gängelung. Inzwischen erkundigen sich immer mehr Arbeitgeber bei ihren Bewerbern nach der Blutgruppe, wie Junichi Wadayama vom Arbeits- und Gesundheitsministerium beklagt. "Das ist schon so üblich, dass die meisten Unternehmensmitarbeiter gar nicht wissen, dass diese Frage diskriminierend ist", sagt Wadayama.

Für sachliches Denken bleibt da wenig Raum. Fast schon hilflos klingt die nüchterne Erläuterung von Satoru Kikuchi. Die Blutgruppe beruhe auf Proteinen und habe nichts mit der Persönlichkeit zu tun, betont der Psychologe von der Universität Shinshu. "Das ist schlicht Scheinwissenschaft", sagt er. "Die Idee ermutigt dazu, andere nach ihrem Blut zu beurteilen, ohne zu verstehen, dass es sich um Menschen handelt. Das ist genau wie Rassismus."
(apa/red)