"Sie haben mich nicht besiegt": Neonazi-Opfer wählt nach jahrelangem Kampf Freitod

Nazi-Mob schleuderte Feldstein in sein Auto - gelähmt Brite will mit Giftbecher aus dem Leben scheiden

"Sie haben mich nicht besiegt": Neonazi-Opfer wählt nach jahrelangem Kampf Freitod

Der vor elf Jahren bei einem Anschlag von Neonazis in Brandenburg schwer verletzte und seitdem querschnittsgelähmte Brite Noel Martin hat die Vorbereitungen für seinen angekündigten Freitod abgeschlossen. An seinem 48. Geburtstag, am 23. Juli, will er mit einem Strohhalm einen Giftbecher leer trinken, dazu Songs von Bob Marley hören und zuletzt Frank Sinatras "I Did It My Way" hören, wie er dem "Stern" sagte. Der in Jamaika geborene Martin will mit Hilfe der Sterbehilfe Dignitas in der Schweiz aus dem Leben scheiden. Da er nicht in Würde leben könne, wolle er wenigstens in Würde sterben, begründete der Brite seine Entscheidung. Mit der Sterbeorganisation sei bereits alles geregelt.

Zwei 17 und 24 Jahre alten Neonazis hatten den als Bauarbeiter beschäftigten Briten in Mahlow am 16. Juni 1996 in seinem Auto verfolgt und einen Feldstein durch das Fenster in den Pkw Martins geworfen. Er fuhr daraufhin gegen einen Baum und brach sich die Halswirbelsäule. Der 47-Jährige ist seitdem vom Hals an abwärts gelähmt und rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen.

"Ich bin nur noch Kopf. Ich habe Augen, die sehen, einen Mund, der mit Mühe schlucken kann. Ich weiß aber nicht, wann ich Hunger habe, ich weiß nur, dass ich gelegentlich essen muss", sagte Martin. Sein Lebensgefühl sei kaum zu vermitteln. Ohne Bedauern werde er auch sein Haus im Birminghamer Stadtteil Edgbaston zurücklassen: "Ich bin der erste Schwarze, der in diesem Viertel wohnt und habe den Weißen gezeigt, dass wir Schwarze so gut sind wie sie." Es ärgere ihn allerdings, dass er zum Sterben in die Schweiz müsse. "Jede Tier, das in England leidet, wird eingeschläfert, aber ich soll qualvoll dahinleben."

Eines möchte Martin vor seinem Freitod noch erleben: Dass sein Pferd "Baddam" am 21. Juni in Ascot siegt. Der Brite gewann 2006 laut "Stern" als erster schwarzer Pferdebesitzer eines der bedeutendsten Rennen der Welt.

Höhnische Kommentare von rechtsradikalen Internetforen, die seinen angekündigten Freitod begleiten, berührten ihn nicht mehr, sagte der Brite weiter. Neonazis hätten sein Leben zerstört, aber "sie haben mich nicht besiegt". (APA/red)