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Wie Jedermann und Mozartkugel

Heinz Sichrovsky zum anhaltenden Zorn auf die Sängerknaben

NEWS Kulturchef Heinz Sichrovsky © Bild: News Herrgott Ricardo

Auch Intellektuelle (um nicht zu sagen: gerade sie) werden von irrationalen Reflexen getrieben. Allerdings beruhen die oft auf rationalen Befindlichkeiten: Tatsächlich ist „Jedermann“ ein schlechtes Stück, wird darüber hinaus aber als Allegorie kapitalistischer Ablassheuchelei verabscheut. Tatsächlich gibt es wenige, deren Begehrlichkeit sich auf die geschmacklich missglückte Mozartkugel richtet. Darüber hinaus aber steht die Mozartkugel exemplarisch für den Missbrauch des Unsterblichen an sich. Niemand jedoch hat deshalb die Mozartkugel (und kaum jemand den „Jedermann“) ernsthaft bekämpft.

Anders verhält es sich mit den Sängerknaben, die uns als dissonantes Begleitgeräusch frühkindlicher Weihnachtsidyllen in den Ohren gellen: Kaum wurde ruchbar, dass das exportfähige Kollektiv einen Konzertsaal am Rande des Augartens errichten wollte, wandelten sich sprichwörtlich urbane Menschen – Robert Menasse, Ioan Holender – zu rabiaten Naturschützern. Der Saal steht mittlerweile und wird für oft hervorragende Konzerte mehrerer Genres genutzt. Aber mit Genugtuung nahm kürzlich eine Mehrheit an Kulturmenschen zur Kenntnis, dass die Sängerknaben zu wenig Subvention beziehen, und immer noch bauen sich vor fast jedem Konzert Demonstranten auf.

Vielleicht sollten sie besser zur Mozartkugelfabrik weiterziehen.

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