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Neil Shicoff wird noch gebraucht

Menschen - Neil Shicoff wird noch gebraucht © Bild: NEWS/Herrgott Ricardo

So, wie sie ihn am 3. Mai ehren werden, kann es sich in Kenntnis der österreichischen Folkloristik nur um ein Begräbnis handeln. Und in der Tat: Mangels Angebot wäre das sein letzter Abend an der Wiener Staatsoper, bestätigt ohne Kommentar der Tenor Neil Shicoff, dessen vierzigjährige Zugehörigkeit zum Haus mit einem pompösen Festakt begangen wird. Unter anderen überwinden die Theaterleiter Jürgen Flimm, Ioan Holender und Dominique Meyer ihre mediennotorischen gegenseitigen Vorbehalte, um der Opernwelt Shicoffs Verdienste in Erinnerung zu rufen.

Das ist zu begrüßen, denn selbst einige Jahre ohne Engagement bedeuten für einen Sänger von 65 Jahren nichts anderes als den Abschied. Gewiss, viele haben in diesem Alter schon abgedankt. Shicoff aber stemmte kürzlich als fabulöser Einspringer den Titelpart aus "Hoffmanns Erzählungen", als der um 20 Jahre jüngere Piotr Beczala vor den mörderischen Ansprüchen der Rolle kapitulierte. Ihn jetzt ins Charakterfach zu begleiten, zu den bösen Alten, den Narren und den Todgeweihten: Das wäre eine Aufgabe. Denn Shicoff ist ein Gestalter wie wenige .Als genialer, hoch neurotischer Grenzgänger verstörte er die Opernwelt, die unter dem Regiment der "drei Tenöre" fade und selbstgefällig geworden war.

Vor acht Jahren wäre er beinahe Staatsoperndirektor geworden. Der damalige Kanzler Gusenbauer, ein gefürchtetes diplomatisches Talent, protegierte ihn derart tölpisch, dass dem hierorts unbekannten Dominique Meyer die Stunde schlug. Von dem wird hiemit Grandezza erbeten.

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